„Grad-Wanderung“

Meine Augen fliegen über die Worte auf dem weißen Papier. Unzählige Buchstaben, schwarz auf weiß, und doch scheint die Bedeutung nicht über die Netzhaut hinaus zu gelangen. Ich versuche zu lernen, aber das Wertpapiergeschäft liegt mir kein Stück. Anleihen, Optionen und Obligationen in allen Variationen finde ich sterbenslangweilig und entsprechend schwer fällt es mir, mich in die Materie hineinzudenken.

Zum Glück war mein Engel grad so lieb mich mit einem Anruf abzulenken. Er ist seit heute Nachmittag aus Spanien zurück, konnte gerade noch den Sonnenuntergang über Hamburg sehen, als seine Maschine noch eine Warteschleife vor der Landung drehen musste. Unter sich konnte er den Hafen und die eisbeschollene Elbe sehen. Damit haben ihn nach einem kurzen Intermezzo von 20 Grad in Barcelona die kalten Temperaturen des Nordens wieder.

Ungefähr zur selben Zeit hab ich mit Mütze, Schal und Handschuhen bekleidet meine Firma verlassen und bin fröhlich pfeifend durch meine kleine, kalte Stadt nach Hause gestiefelt. Es war noch ziemlich hell, woran wohl nicht zuletzt der wolkenlose Himmel Schuld trug. Ein schönes Gefühl, es sagt mir, dass sich der Winter zumindest ein klitzekleinwenig auf dem Rückzug befindet und die Tage wieder merklich länger werden. Endlich sind auch wieder mehr Menschen auf der Straße und die Welt wirkt sogleich ein Stück belebter. Es ist kein schönes Gefühl, durch eine verlassene und dunkle Stadt zu laufen. Ich jedenfalls freue mich schon wieder sehr auf den Frühling, auch wenn es bis dahin sicher noch ein Weilchen dauern wird. Dennoch hege ich die Hoffnung, dass der Winter diesmal nicht so lang wird wie noch vor einem Jahr.

 

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