Gnadenlos

Kälte umhüllt mich und graue Dunkelheit. Die ohrenbetäubende Stille verursacht pochende Schmerzen irgendwo in meinem Kopf. Es hat tatsächlich ein wenig geschneit heute, aber inzwischen blendet mich die nächtliche Schwärze so sehr, dass ich das wenige an Weiß, was da ist, durch meine Fensterscheibe im sechsten Stock nicht mehr sehen kann.

Der Tag begann ziemlich müde, hab mich nur widerwillig aus dem Bett geschält, wollt mir nen Kaffee aufbrühen und musste feststellen, dass nur noch genug für eine Tasse da ist. Ich brauch morgen Kaffee zum Frühstück, sonst überleb ich den Arbeitstag nicht. Wenn ein Tag ohne Kaffee beginnt, kann man eigentlich auch getrost wieder ins Bett gehen…

Hab ich nicht gemacht und mir stattdessen heiße Schokolade in der Mikrowelle zubereitet, mich mit zwei Scheiben Toast an den Rechner gesetzt und durch ein paar Tagebücher geblättert. Weit bin ich nicht gekommen, da klingelt das dunkelblaue Telefon, das vor mir steht. Mein Dad ist dran und meint, ich müsse sofort losfahren, weil er meinem kleinen Bruder nen PC auf dem Flohmarkt kaufen will…

Ich könnt mich ohrfeigen, dass ich mal gesagt habe, die sollen mich anrufen, wenn die einen PC kaufen wollen, weil die so was von keine Ahnung von Technik haben.

Das passt mir jetzt so gar nicht in den Kram, weil ich den Sonntag eigentlich in Ruhe mit gar nichts verbringen wollte, aber na schön! Ich schlürfe den Rest Kakao aus meinem Becher, schleppe mich ins Bad und mache mich fertig, tausche den Schlafanzug gegen meine Alltagsklamotten und fahre wie in Trance mit dem Aufzug nach unten. Super, Eis kratzen darf ich auch noch. Ich hole den Kratzer aus der Fahrertür und beseitige die Eisschicht auf der Frontscheibe. Als ich den Wagen anlasse stelle ich fest, dass auch noch der Tank nahezu leer ist. Wollte eigentlich in diesem Monat nicht mehr zur Tanke fahren…

Nachdem auch das erledigt ist, fahre ich über die eisglatten Straßen, vorbei an den weißen Hochhäusern bis zur Stadt, in der meine Familie wohnt. An der Tür werde ich gleich abgefangen und schon sitze mit meinem Dad in seinem schwarzen Jeep, der auch lange keinen Staubsauger gesehen hat. Ich hasse Raucherautos!

Es beginnt zu regnen und ich hege die Hoffnung, dass der Flohmarkt, zu dem wir unterwegs sind, schon abgebaut wird. Ist’n ziemlich großer Flohmarkt – nicht nur draußen, sondern auch indoor. Es herrscht ein Wahnsinnsgedränge. Ich hasse Leute, die in einem Gedränge mit leeren Kinderwagen rumschieben!

Mein Dad eilt durch die Reihen, links und rechts von uns sitzen mürrische Leute, die versuchen, ihren Krempel vom Dachboden irgendwie loszuwerden. Da stehen abgewetzte Kitschromane in einem durchhängenden Pappkarton, der früher Bananen beherbergte, auf der anderen Seite ausgedientes Porzellan oder eine angelaufene Messinggießkanne neben Großmutters alter Kaffeemaschine. Weiter vorn stehen die obligatorischen Körbchen mit Batterien und Armbanduhren sowie diverses Kinderspielzeug, das seine besten Tage längst hinter sich hat. Hunderte Menschen, kleine, große, dicke, dünne, alle schleichen sie hektisch herum um irgendwo irgendwas zu finden, was man irgendwie doch nicht braucht. Ich hasse Flohmärkte!

Nach einer Weile hat mein Dad den Mann mit den PCs wiedergefunden, das Objekt, das vorhin sein Interesse geweckt hatte, ging soeben an den Mann mit Hut. Ich werfe einen schnellen Blick auf die restlichen Geräte, mein Dad schaut mich prüfend an, aber ich schüttle entschlossen den Kopf. So ist mein Dad, will für einen Computer nicht mehr als 50 Euro ausgeben. Wenn man das ganze Geld für die Schrottdinger, die er schon auf Flohmärkten erstanden hat, zusammenzählt, dann hätte er sich längst was Vernünftiges kaufen können. Aber auf mich hört ja keiner.

Ich bleibe noch über Mittag bei meiner Familie, sattle aber dann die Hühner und fahre wieder nach Hause. Mein Kopf schmerzt etwas und da ist der Stress, der bei meiner Familie auf der Tagesordnung steht, genau das Falsche.

Der Rest des Sonntages ist nicht weiter der Rede wert, das beste des Nachmittags hab ich doch nur wieder hier in der Tagebuch-Gemeinschaft erlebt (danke Daniel, danke Micha). Nu isser fast rum, der Tag, ich werd‘ gleich die Heizung aufdrehen, damit ich nicht mehr friere und ein schwarzes Hemd bügeln, das ich morgen zur Arbeit anziehen will und mich schon mal seelisch auf die Arbeitswoche einstellen…

 

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