Ernüchterndes

Nach der Party gestern Nacht erwache ich nach nur wenigen Stunden Schlaf heute früh um acht Uhr. Mein brillenloser Blick schweift durch das bereits erleuchtete Schlafzimmer, ganz links beginnend, wo neben mir an der Wand eingerahmt ein Gruppenphoto hängt. Das einzige Fenster rechts daneben ist durch mein berühmtes Bambusrollo verhüllt und die Wand daneben wird durch ein einziges Bild geziert, das genau in der Mitte mir gegenüber hängt, während ich im Bett liege. Die dritte Wand in diesem Raum enthält neben der Tür einen Kosmopolitan-Kalender und einen anderen Kalender mit anderen nett abgelichteten Schwarz-Weiß-Männern. Überall liegen meine Klamotten verstreut und der Wäscheständer ächzt unter seinem Gewicht. Ich liege einfach so dar. Lasse den Blick kreisen. Sehe zerwühlt aus. Schlafe einfach wieder ein.

Es ist kurz vor zwölf, als ich die Augen das nächste Mal öffne und ohne den Blick wieder auf Wanderschaft zu schicken schwinge ich mich aus den Federn und verschwinde dringend im Bad.

Als ich eine halbe Stunde später frisch geduscht in die Küche komme bin ich froh, dass ich das Chaos direkt nach der Party beseitigt habe; es gibt nichts schlimmeres, als morgens in eine Küche zu kommen und keinen Platz fürs Frühstück zu finden – das gilt auch, wenn das Frühstück um zwölf Uhr mittags stattfindet.
Im Kühlschrank steht der Rest der Schwarzwälder Kirschtorte, die eine Freundin gebacken hat. Aber ich bin grad erst aufgestanden und habe noch keine Lust, auf so vielen Kalorien rumzukauen. Ich öffne die Schranktür neben der Abzugshaube und greife nach dem Müslipaket. Dann entscheide ich mich doch für das Schwarzbrot und schiebe das Müsli wieder zurück. Ich habe heute eine reiche Auswahl an Getränken, da hätten wir Apfelsaft, O-Saft, Ananas, Maracuja, Pfirsich, Ginger Ale, Tonic Water sowie diverse Spirituosen, die ich geistreicherweise nicht anrühre. Statt dessen werfe ich zum Frühstück die letzte Tablette aus dem Antibiotikumvorrat mit einem frischen Glas Leitungswasser ein.

Der weitere Sonntagsverlauf war eher untypisch. Statt wie sonst eher melancholisch rumzusitzen und eine ganze Menge Nichts zu tun, erwartete ich für den Abend lieben Besuch. Sie war zwar auch gestern schon da, aber von guten Dingen kann man nie genug haben. Außerdem gehörte ihr die Hälfte der Schwarzwälder…

Ich verfolgte nachmittags zwei meiner Lieblingsserien, probierte die neuen DVD-Rohlinge in meinem neuen DVD-Brenner aus und war letztlich ziemlich ernüchtert wegen des eher schlechten Resultats. Vielleicht sollte ich beim nächsten Mal doch nicht die billigsten Rohlinge kaufen. So archivierte ich die erste Staffel des amerikanischen Ablegers einer britischen Schwulenserie auf zwei DVDs – noch mal zum Mitlesen: erste Staffel – amerikanischer Ableger – britische Schwulenserie. Bin ich ein Serienfreak? Und ob!

In den letzten Tagen ist mir etwas klar geworden. Jeden Tag stand ich an meinem Wohnzimmerfenster und blickte hinaus auf die Welt. Vom sechsten Stock aus hat man einen guten Überblick. Vor über vier Jahren wählte ich diese kleine stille grüne Stadt als Wohnort aus. Meine Freunde waren nicht weit weg, ich konnte hier arbeiten, ich hatte meine Ruhe und viel Zeit zum Nachdenken. Kurz darauf mein Coming Out, mein Freund und dreieinhalb Jahre Beziehung, meine Familie und meine Freunde. Ich war glücklich und hatte nicht die geringsten Intentionen woanders hinzuwollen.
Und jetzt? Blicke ich hinaus auf die kleine stille grüne Stadt und denke, dass ich bestimmt irgendwann wiederkommen werde, so in 30 bis 40 Jahren etwa. Dann kann ich eines der beiden Altenheime beziehen, die ich von meinem Fenster aus sehen kann und die zusammen mit dem Rathaus die wohl wichtigsten Einrichtungen dieser Stadt darstellen.
Aber heute möchte ich dorthin, wo das Leben pulsiert, ich möchte ein Teil des Lebens sein, denn ich habe es so satt, immer nur zuzuschauen. Ich werde das alles hier hinter mir lassen, die Gegend, in der ich aufwuchs, in der ich arbeite, die Stadt mit den weißen Hochhäusern…

Die meisten meiner Freunde studieren inzwischen und haben sich in alle Himmelsrichtungen verstreut, um sich zu Gelegenheiten wie meinem Geburtstag wieder hier zu versammeln. Oder sie sind mit dem Studium so gut wie fertig und müssen nun sehen, wo sie abbleiben. Also was hält mich noch hier?
Ich werde in diesem Jahr eine berufliche Fortbildung anstreben und nach deren Abschluss meine Fühler in Richtung Hamburg ausstrecken. Ist es normal, das mir das irgendwie Angst einjagt? Es wäre so komplett anders als alles, was bisher war.

Ich hoffe, ich werde das durchziehen. Dann bin ich hier endlich weg.

 

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