Eisenbahnromantik

Von Geburt an bis zur sechsten Klasse bin ich an einer Eisenbahnstrecke aufgewachsen. Genauer gesagt an einem kleinen Abschnitt der Strecke Hamburg-Westerland. Wir sind damals alle paar Jahre umgezogen, tatsächlich wohnte ich in jenem Zeitraum in sieben verschiedenen Wohnungen. Aber nie war eine weiter als einen Kilometer von den anderen entfernt, und jede lag direkt an dieser Bahnstrecke.

Die Gleise der Verkehrsstrecke waren nur durch einen alten Maschendrahtzaun und einen kleinen, verdreckten Graben von den Häusern getrennt, in denen ich aufwuchs. Kein besonders wirkungsvolles Hindernis, das ich das eine oder andere Mal überwunden habe, um den Nervenkitzel zu verspüren, wenn eine brüllende rote Diesel-Lokomotive um die Kurve gerast kam. Erwischt wurde ich dabei nie – weder von der Lok noch von meinen Eltern. Wenn ich direkt an dem Maschendrahtzaun diesseits des Grabens stand, musste ich mir meine kleinen Kinderohren zuhalten, wenn ein Zug kam. So ein Eilzug machte einen Höllenlärm, jedenfalls, bis die tonnenschwere Lokomotive vorüber war.

Von dreien der Wohnungen, in denen ich aufwuchs, hatte ich einen Logenblick auf einen Rangierbahnhof. Es gehörte zu den ruhigsten Momente meiner Kindheit, wenn ich einfach Zeit hatte, dem Treiben auf den vielen Gleisen zuzusehen. Noch heute höre ich das Schnaufen der roten und blauen Rangierloks und das leise Poltern von angeschubsten Güterwaggons, bis sich die metallische Kupplung mit der eines anderen Waggons vereinigte. Am Ende des Rangierbahnhofes befanden sich die Hallen des Eisenbahn-Ausbesserungswerkes, in dem mein Vater früher gearbeitet hatte.

Zu jener Zeit durfte ich meinen Vater an jedem zweiten Wochenende besuchen. Ich hatte ein paar Klamotten in einer Supermarkttüte bei mir und ging mit meinem Vater zum Bahnhof. Die Bahnhofshalle kam mir damals riesig vor, heute weiß ich, dass der Bahnhof gar nicht so sehr groß ist… Wenn der Zug kam, hielt ich mir meine Ohren zu (das war mit der Tüte in einer Hand wirklich schwierig). Mein Vater öffnete eine der roten Türen und wir stiegen ein. Ich bekam immer einen Fensterplatz in Fahrtrichtung. Mal in einem Raucher- und mal in einem Nichtraucherabteil. In meiner Geburtsstadt, ein paar Bahnhöfe weiter, stand immer ein dreiteiliger, roter Schienenbus, der – wenn ich mich richtig erinnere – zwischen Elmshorn

und Hamburg pendelte. Einmal haben mein Vater und ich auf mein Drängen den Schienenbus für die verbleibende Strecke benutzt. Das war ein großartiges Erlebnis!

Wenn wir Hamburg erreichten, ruckelte der Zug stets mit viel Getöse über unzählige Weichen, bis wir in Altona die Endhaltestelle erreichten, wo alle aussteigen mussten. Überall standen Züge. Schnaufende Lokomotiven, bunte Waggons, Autos, die auf Züge verladen wurden und Menschen, Menschen, Menschen. Mein Vater, ich und meine Supermarkttüte eilten durch den Bahnhof und fuhren mit einer silbernen Rolltreppe in die Tiefe. Und dann ging es los: Schon auf halber Höhe der Rolltreppe wehte mir der köstliche Duft von Marzipantaschen vom Bäckerstand entgegen! Mein Vater musste mir jedes Mal so eine Marzipantasche kaufen. Die machte nämlich richtig glücklich. Vom Bäckerstand aus lief ich nur ein paar Meter weiter zur Modelleisenbahn, die in einem großen Glaskasten auf mich wartete. Staunend drückte ich meine Nase an der Scheibe platt und bettelte so lange, bis mein Vater eine Münze in den Schlitz fallen ließ und ich mit den vielen leuchtenden Knöpfen die Züge fahren lassen konnte. Hoch über mir schwebte auf einem Gleisoval ein weißer, stromlinienförmiger Zug, der an seinem Heck einen schwarzen Propeller hatte. Hinter der Modelleisenbahn an der Wand hing der Querschnitt einer alten Dampflokomotive. Ich glaube, auch dort konnte man mit einer kleinen Münze ein paar Mechanismen in Gang setzen. Zu guter Letzt stiegen wir dann noch eine Etage tiefer in die U-Bahn.

Die meisten waren noch blau und hatten Holzbänke. An den Holzwänden hingen Fahndungs-fotos der meistgesuchten Ver-brecher, die mich stets dazu animierten, mir alle Fahrgäste ganz genau anzusehen. Aber keiner von denen sah irgendwie verdächtig aus.
Irgendwann wurden die alten blauen U-Bahn-Züge gegen modernere ausgetauscht. Sie waren jetzt silber und rot, und an jedem Waggon leuchtete ein rotes oder ein blaues Licht und die Sitze waren gepolstert… So waren sie, die Bahnfahrten mit meinem Vater.

In meinem 13. Lebensjahr verließen wir die Gegend, in der ich aufgewachsen war und die noch heute als „der vergessene Stadtteil“ bekannt ist. Wir zogen in ein kleines Dorf, in dem es nach Kühen roch und die Bahnstrecke (übrigens die selbe Linie wie die, an der ich aufwuchs, das wusste ich damals aber nicht) vier Kilometer von unserem Haus entfernt war. In unserem Haus wohnten jetzt außerdem nur drei statt wie bisher 18 Familien. Ich wurde an eine andere Schule in die Stadt mit den Hochhäusern versetzt. Von dem Zeitpunkt an bekam mein Leben eine ganz neue Richtung. Meinen Vater durfte ich schon seit einer ganzen Weile nicht mehr besuchen, den Grund dafür blieb man mir jahrelang schuldig. Seitdem hatte ich meinen Vater nie mehr gesehen. Die Faszination für die Eisenbahn und das nostalgische Gefühl von Kindheitsfaszination ist bis heute erhalten geblieben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*