Doktorspiele

Mein Handy klingelt. Es ist zehn vor acht und ich sitze im Büro an meinem Schreibtisch. Heute habe ich schon früh angefangen zu arbeiten, damit ich vor unserem Urlaub in der kommenden Woche noch alles wichtige erledigen kann. Mein Handy klingelt und ich gehe ran. Mein Freund ist dran. „Hi, ich bin’s. Ich hatte gerade einen Unfall. Ich werd‘ jetzt in die Uniklinik gefahren.“

Eine Viertelstunde später fahre ich mit meinem Fahrrad an der Unfallstelle vorbei. Fahrradteile liegen auf der Straße herum, die gehören meinem Freund. Ein dicker Kloß bildet sich in meinem Hals. Ich fahre weiter nach Hause, schubse dort mein Bike in den Keller und steige in den Wagen um. Dann bin ich auf dem Weg zum Universitätsklinikum. Ich war noch nie zuvor dort und sicherheitshalber habe ich mein Navi eingeschaltet. Nur Minuten später stelle ich den Peugeot auf einem Besucherparkplatz ab und versuche, mich in aller Eile zu orientieren. Ich sehe Baustellen, Rohbauten, aber nichts, was wie ein Krankenhaus aussieht. Ich gehe die Straße herunter und stehe vor einem kleinen, länglichen Gebäude. An der Tür steht:

Notaufnahme:
← 500 m weiter

Also gehe ich wieder zurück, ärgere mich über die fehlenden Wegweiser. Ich folge einem Weg, von alten Bäumen gesäumt. Am Ende sehe ich eine Bäckerei und mehrere große Gebäude. Das könnte die Klinik sein. Als ich um die nächste Ecke biege, sehe ich den Haupteingang. Z E N T R A L K L I N I K steht in großen blauen Lettern über dem Vordach. Ich steuere eilig darauf zu und folge den Schildern Richtung Notaufnahme. Die Frau von der Anmeldung schickt mich in einen Warteraum am Ende des langen Korridors. Ich finde ihn und setze mich. Ich bin allein hier. Nervös. Unruhig. Ich stehe auf und werfe Geld in den Kaffeeautomaten, der hier ebenfalls wartet. Mit etwas in der Hand wartet es sich leichter. Ein Mann und eine Frau kommen herein. Sie setzen sich auf die beiden Stühle neben der Eingangstür. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt ein junger Arzt auf mich zu. Er erklärt mir, dass mein Freund noch narkotisiert ist. Die Schulter war ausgekugelt und zum Einkugeln wurde er betäubt. Ich müsste noch etwa eine Stunde warten, bis ich zu ihm kann. Ich danke dem Arzt, stehe auf und muss unbedingt an die Luft. Ich verlasse den langen Korridor an der erstbesten Tür und atme erstmal tief durch. Ich laufe auf und ab, bis es zu regnen beginnt. Als ich wieder hineingehen will, geht die Tür nicht auf.

Auf dem Gang kommt mir die Frau von der Anmeldung entgegen. Mein Freund sei schon auf Station, ob man mir das schon gesagt hätte. Ich bin verwirrt, war doch kaum zehn Minuten weg… Und was bedeutet eigentlich „auf Station“? Ich gehe zurück in den Wartebereich. Der Arzt sei zwischenzeitlich nochmal hiergewesen und hätte nach mir gefragt, sagt der Mann, der mit seiner Frau neben der Eingangstür sitzt. Na toll, was mache ich denn jetzt? Ich beschließe, zu warten. Der wird ja wohl nochmal wiederkommen. Oder? Oder nicht? Ich bin noch unruhiger als zuvor, als eine Krankenschwester den Wartebereich betritt und auf mich zukommt. Es ist unsere Nachbarin Scully. Ich hatte vergessen, dass sie auch hier arbeitet. Sie hat irgendwo gelesen, dass mein Freund eingeliefert wurde und fragt, was denn passiert sei. Ich weiß ja auch nicht viel, nur dass er mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren wollte und wohl von einem Auto angefahren wurde. Und jetzt weiß ich nicht genau, wo er ist. Sie nimmt mich mit, damit wir jemanden fragen können.

Ich sitze im Wartebereich. Soll ich mir nochmal Kaffee aus dem Automaten holen? Ich habe erfahren, dass mein Freund immer noch im Aufwachraum liegt. Ich hole meinen eBook-Reader aus meiner Tasche. Unkonzentriert starre ich auf das Display. Inzwischen ist es elf Uhr. Aus dem Raum hinter der Tür, auf der ZUTRITT VERBOTEN steht, dringen gedämpfte Stimmen zu mir. Eine Frau spricht. Ich kenne sie, sie ist eine Freundin von Scully. Kurz darauf geht die Tür auf und der Arzt von vorhin schaut heraus. „Da sind Sie ja wieder“, sagt er zu mir. „Ich sitze schon seit zwei Stunden hier“, hätte ich am liebsten zu ihm gesagt, aber bin mal besser friedlich. Dann führt er mich in den geheimnisvollen Raum, der sich als Aufwachraum entpuppt. Hinter einem Paravent liegt mein Freund in einem Krankenhausbett. Er ist wach. Neben ihm stehen seine ganzen Sachen, die er heute Morgen von zu Hause mitgenommen hat. Seine Kleidungsstücke liegen in einer Plastiktüte, auf der „Patienteneigentum“ steht. Ich traue mich nicht, ihn zu berühren. Ein Arm ist verbunden, hängt in einer Schlinge. Sein Gesicht ziert eine Schürfwunde, die ich ihm verheimliche. Seine Hände wurden notdürftig geflickt. Er zeigt mir seine Beine. Ein Schienbein hat einen tiefen Riss, der Oberschenkel ebenfalls. Der Kloß ist wieder da. Die Füße sind blau, die Arme übersät mit blauen Flecken. Ich bleibe bei ihm, als er mit seinem Bett aus dem Aufwachraum heraus- und in einen Wartebereich hineingeschoben wird. Hier gesellt er sich zu anderen Betten, die auf die Weiterverarbeitung warten. Nächste Station: MRT. Wieder warte ich. Gehe auf und ab. Versuche es nochmal mit meinem aktuellen Roman. Trinke eine Wasserflasche leer. Betrachte Broschüren in der Auslage und Bilder an den Wänden. Dann endlich kommt sein Bett aus der MRT-Abteilung zurück. Zusammen warten wir, bis er „auf Station“ geschoben wird. Inzwischen hat er erfahren, dass er heute nicht nach Hause fahren darf. Tatsächlich wird er mehrere Tage hier verbringen müssen. Sein Doppel-Zimmer ist leer, als das fahrbare Bett eingeparkt wird. „Heute kommt noch ein Neuer“, sagt der Fahrer (bzw. „Träger“).

Als sich die Stationsschwester vorstellt, verabschiede ich mich vorübergehend von meinem Freund. Ich kann nicht den ganzen Tag von der Arbeit fernbleiben. Mein Plan, heute einiges zu erledigen, hat sich natürlich in Luft aufgelöst – aber das Gleiche wird mit dem Urlaub in der kommenden Woche passieren. Als ich später am Abend wieder in die Klinik fahre, habe ich einen Weekender mit Kleidung und Waschzeug dabei. Der 23-jährige „Mitbewohner“ ist inzwischen ebenfalls eingezogen und hat sein Bett neben dem von meinem Freund geparkt.

Gegen 23 Uhr komme ich allein zu hause an, steige in die Dusche und falle anschließend in das verwaiste Bett.

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