Disinnovation

Früher einmal wollte ich Architekt werden (zuerst Briefträger, aber dann Architekt!). Aber weil meine Mathenoten alles andere als ansehnlich waren und mein Stiefvater mir eröffnete, dass ich dazu eine Weile auf dem Bau würde arbeiten müssen, ließ ich die Pläne fallen und ging stattdessen zur Bank.

Das Interesse an Architektur ist geblieben und hat sich irgendwann auf Städtebau erweitert. Jahrelang nicht beachtet kam diese Obsession mit dem Neubau der HafenCity in Hamburg wieder zum Vorschein. Überwältigt von Größe und Innovation erwachte das Interesse erneut. Aufregende Architektur, kunstvoll und bedeutsam, schon als Baustelle Anziehungspunkt für viele, viele Menschen. Seither verfolge ich gespannt die Entwicklung in dem Super-Stadtteil, der in erstaunlicher Geschwindigkeit entsteht.

Ende Februar erfuhr ich, dass das brachliegende Hafengebiet in Lübeck, das als nördliche Wallhalbinsel bekannt ist, neugestaltet werden soll. Europaweit wurde ein Wettbewerb veranstaltet, bei dem Architekten Vorschläge einreichen konnten. Einen dieser Vorschläge konnte ich mir auf der Website des Investors ansehen und war begeistert! Das Design der Gebäude, die Anordnung und ganz besonders ein MediaCenter an der Spitze hatten das Potenzial, Lübeck für den städtebaulichen Wettbewerb seit der Errichtung des Holstentors wieder hoffähig zu machen. Am 04. März fand abends in den MediaDocks auf der Wallhalbinsel eine Veranstaltung statt, die sich „Öffentlichkeitsbeteiligung“ nannte. Hier sollte der finale Entwurf vorgestellt und die Stimmen der Lübecker Bürger gehört werden.

Ich fuhr mit meinem weißen Rad in die Stadt – allein, weil mein Freund keine Lust hatte. Nach einem Cappuccino in meiner Lieblings-Kaffee-Bar machte ich mich auf den Weg zu den MediaDocks in der Willy-Brandt-Allee. Ab 18 Uhr konnte ich mir die Entwürfe vorab ansehen, ehe es eine halbe Stunde später losgehen sollte. Von den Innovationen des Entwurfes im Internet war nichts übrig geblieben. An die Stelle der interessanten Formen waren Quader getreten, anstelle des gläsernen MediaCenters, von dem aus man einen Rundumblick hätte haben sollen, präsentierte man uns ein Terrassengebäude, das man besteigen kann, um von oben einen schönen Blick zu haben. Die Schuppen, die jetzt noch die nördliche Wallhalbinsel besetzen, sollen ersetzt werden durch Blockgebäude, denen jegliche Kreativität und Innovation fehlt. Das vorgestellte Konzept hatte weder Hand noch Fuß. Das Gebäude an der Nordspitze, das als Magnetpunkt für die Öffentlichkeit wirken soll, war ein großes Thema. Der Eingangsbereich zur Wallhalbinsel hingegen wurde ausgeklammert. Der Vergleich mit der HafenCity rief Entrüstung beim Veranstalter hervor: „Ein Schickimicki-Stadtteil soll das hier nicht werden!“

Alles in allem eine eher enttäuschende Veranstaltung. Wer erwartete, Fortschritt und Design vorzufinden (so wie ich), wurde bitter enttäuscht. Der Masterplan steht, jetzt liegt es an weiteren Investoren, wann und ob und wie das umgesetzt wird. Ich hoffe, man besinnt sich eines Besseren und macht Platz für einen völlig neuen Entwurf.

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