Die Wurzelbehandlung

Als ich gestern um 13 Uhr auf einem Korbstuhl im Wartezimmer saß, mir gegenüber nur ein Opa, der in einem Segelmagazin blätterte, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als einfach wieder heraus zu marschieren. Die Sprechstundenhilfe am Empfang erschien mir wie das gesamte Gebäude. Irgendwie… herrschaftlich. Ich musste einen neugieren doppelseitigen Fragebogen ausfüllen. Und dann saß ich dort. Drei Viertelstunden lang. Zwischenzeitlich kam die Sprechstundenhilfe, um mir zu sagen, dass es nun bald losginge. In der ersten Wartehälfte nickte ich nur und dachte mir: ‚Ich hab’s nicht eilig…‘. In der zweiten Hälfte nickte ich nur und dachte: ‚Bringen wir’s endlich hinter uns!‘.

Das Design von Zahnarztstühlen hat sich in den vergangenen elf Jahren nicht wesentlich verändert, glaubte ich, als ich Platz nahm. „Der Doktor kommt dann gleich.“ Ja ja. Meine Knie schlotterten, mein Herz wummerte wie wild. Durch die Riffelglastür konnte ich Schemen in weißen Kitteln vorbeiflitzen sehen, draußen vor dem Fenster standen Hecken und Büsche, die mich an einer Flucht hindern wollten. Das hässliche Gebäude gegenüber war verwaist. Dumpf drang kreischender Bohrlärm aus den umliegenden Behandlungsräumen zu mir. Dabei sind es nicht die zahnarzttypischen Geräusche, die mich in Panik versetzen. Ich versuchte, meinen Blick nicht auf das metallische Besteck zu richten, dass auf einem blauen Tuch neben dem Behandlungsstuhl lag. Je länger ich auf den Doktor wartete, desto nervöser wurde ich. Spitze Gegenstände, dazu gedacht, in mich hineinzustechen und Nervenenden anzupieksen, in meinen Zähnen herumzustochern und an mir herumzuschneiden lagen vor mir. Als ich den Kopf drehte, konnte ich eine Spritze ausmachen.

Und dann ging es los. Eine Gestalt bewegte sich flink auf meine Riffelglastür zu, öffnete sie nach Innen und sah mich voller Mitgefühl an – mit strahlend blauen Augen und einem sehr netten Lächeln. Ich bekam den hübschen Arzt. Ich durfte ihm erklären, was mir fehlt und hoffte dabei, dass ich einigermaßen schlüssig darlegen konnte, wo genau es auf welche Weise wehtat. Er besah sich das Malheur mit Spiegel und anderem Instrument und zog dann eines seiner spitzen, sehr gefährlich aussehenden Werkzeuge. Ich starrte an seinem jetzt verhüllten Gesicht vorbei an die schmucklose, weiße Decke, während er an meinem Zahn kratzte…

Resultat der ersten Untersuchung war, dass für elf Jahre Zahnarztfreiheit meine Zähne ziemlich gut in Schuss sind. Lediglich zwei Plomben (die stammen noch aus meiner frühen Kindheit) seien abgenutzt und müssten ersetzt werden. Und das Zahnfleisch… Mit einer regelmäßigen, professionellen Zahnreinigung beim Arzt wäre das nicht passiert. Da muss was gemacht werden. Mit der Behandlung begann er sofort. Wieder griff er nach dem spitzen Gerät und kratzte. Als ich nicht mal zusammenzuckte fragte er, ob das wirklich der schmerzende Bereich wäre. Ich hatte so eine Frage erwartet, denn im Lokalisieren von Schmerzen war ich nie gut. Und so musste ich die Frage verneinen. Seine behandschuhten Finger ertasteten den grob beschriebenen Bereich und fanden zielstrebig den Ort des Geschehens. „Ja! Geuau ua!“ quäkte ich. Es lag nicht am Zahnfleisch. Hier war anscheinend die Zahnwurzel betroffen. So ein Mist! Ich wurde in den Röntgenraum geführt, durfte auf ein abstrakt aussehendes Gerät beißen (dass mich an ein sehr, sehr frühes Kindheitserlebnis erinnerte) und dann war ich allein. Die Tür ging zu, es machte „Klack“, die Tür ging auf ich durfte wieder auf dem Zahnarztstuhl Platz nehmen. Dann dauerte es wieder eine Weile, bis mein Arzt zurückkam. In der Zwischenzeit brachte die Helferin das entwickelte Röntgenbild herein und klemmte es an eine kleine beleuchtete Tafel, so dass ich meine Zähne sehen konnte. Mehr aber auch nicht.

„Mhmm…“, sagte der Arzt, als er irgendwann wieder neben mir saß. „Also hier haben wir eine relativ große Entzündung, sehen Sie?“ Er zeigte dabei auf die Wurzelspitze eines meiner durchsichtigen Zähne. Ich nickte, obwohl ich nicht mehr sah als vorher. Dann überlegte er, wie er die Entzündung am Ende der Wurzel am besten ans Freie setzen konnte und bohrte und raspelte kurzerhand meinen Zahn auf…

Zu blöd, dass das nicht ausreichte, denn kurz darauf zückte er ein Skalpell. Ein kleiner Schnitt und schon sah er zufriedener aus. Ich versuchte an schöne Dinge zu denken und kniff mir gleichzeitig schmerzhaft in den rechten Unterarm, um eventuelle Schmerzen durch scharfe Geräte zu überdecken. Tatsächlich aber war die Behandlung von Anfang bis Ende so gut wie schmerzfrei. Sogar die vier Betäubungsspritzen. Als ich wieder ging, hatte ich eine weggeraspelte Zahnfüllung weniger und einen antibiotischen Streifen im Zahnfleisch mehr.

Das war also mein erster Zahnarztbesuch nach elf Jahren. Ich war höllisch nervös und habe die ganze Behandlung hindurch gezittert. Am Ende war ich froh, dass alles so glimpflich verlaufen ist.

Am Samstag, sagte mir der Arzt, muss dann der Streifen gewechselt werden. Und nächste Woche sehen wir uns wieder…

 

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