Die schwule Messe

Der Sturm von Freitag auf Samstag hat der Marzipanstadt nur geringfügige Schäden zugefügt. Als ich am Samstagvormittag das Haus verlasse liegen hier und dort abgerissene Zweige der umstehenden Bäume und Nachbars Müllsäcke müssen ihren Inhalt auf der Straße verteilt haben. Ansonsten entschädigt der gewaschene Himmel für den Lärm des heulenden Windes in der Nacht.

Ich fahre meinen Engel zur Arbeit, fülle den Tank meines neongelben Kleinwagens und mache mich bald darauf auf den Weg nach Hamburg. Die erste „schwule Messe“ veranlasst mich, den heutigen Tag nicht zu Hause zu sitzen sondern etwas zu unternehmen – wenn auch auf eigene Faust. Und so rase ich mit fast 180 Sachen über die Autobahn. Mein kleines Stadtauto quietscht dabei fast vor Freude. Mein erstes Ziel war die U-Bahn-Station „Horner Rennbahn“. Hier parken wir immer den kleinen Flitzer und fahren dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln weiter. Also löse ich ein Tagesticket für acht Euro sechzig und fahre im Untergrund zunächst bis zum Hauptbahnhof. Aus dem Internet weiß ich, dass die Messe nicht in den zentralen Messehallen stattfindet, und erst später soll ich den Grund dafür erfahren. Mein Weg führt mich mangels Plakatierung zunächst in die „Lange Reihe“. Das schwule Viertel war früher oft Ziel meiner Besuche in der Stadt gewesen. Was ist ein „schwules Viertel“? Genau genommen nimmt es nicht unbedingt ein Viertel der Stadt ein. Aber wenn eine Straße ein Motto hat, dann ist es hier in Regenbogenlettern geschrieben. Nahezu jedes Geschäft – sei es nun ein Kiosk, eines der vielen Restaurants oder schlicht der Tandladen mit Buddhas und Keksen – hat eine Regenbogenflagge im Schaufenster. Auch die Filiale einer schwulen Erotikkette findet man hier seit wenigen Jahren. Die wissen sicher, wie ich zur Messe komme. Nach einem kurzen Einkaufsbummel frage ich den jungen Verkäufer. Es überrascht mich, dass er mir nicht aus dem Stand sagen kann, wo ich lang muss. Dennoch nimmt er sich die Zeit und recherchiert für mich im Internet, bevor er mir den Weg auf einem kleinen gelben Post-it notiert.

Kurz danach sitze ich wieder in der U-Bahn. Der Weg ist noch ziemlich weit, ich muss mit der U2 bis zum äußersten Ende des U-Bahn-Netzes fahren und dort in einen Bus umsteigen.
Der Busfahrer ist ziemlich unfreundlich als ich ihn frage, ob mein Tagesticket, das ich ursprünglich für die U-Bahnen gelöst hatte, auch für den Bus gilt. Er gibt einen Grunzlaut von sich, deutet mit seiner grauen langen Mähne ein Nicken an und widmet sich dann wieder seiner Cola-Dose… Der Bus schaukelt durch dörfliches Gebiet, so weit abseits der City befinde ich mich. Links und rechts stehen Schafe auf den Weiden, direkt dahinter Wohnburgen in grau und weiß.
Die Busfahrt dauert nicht sehr lang und bald stehe ich vor dem Messegebäude in Schnelsen-Nord. Nicht sehr eindrucksvoll, aber es geht ja um die inneren Qualitäten. Ich überquere die befahrene Straße an der Ampel, visiere den rückwärtigen Eingang an und betrete das Gebäude durch eine gläserne Drehtür. Rechts vom Eingang nimmt eine ältere Dame mit Haarknoten den Gästen die Jacken ab. Ich weiß nicht genau, wieso ich meine anbehalte. Links ist die Kasse und lächelnde Jungs begrüßen die Neuankömmlinge, bevor sie neun Euro Eintritt kassieren. Dahinter gibt es Sekt oder O-Saft und ein alter Losverkäufer hypnotisiert mich, so dass ich ihm sechs Losröllchen abkaufe…

Ich befinde mich noch im Erdgeschoss. Hier gibt es nur zwei Messestände, an dem einen steht eine große, muskulöse Comicfigur ohne Personal. Ich bin ziemlich beladen mit meiner Umhängetasche, meiner Kameratasche und meiner dicken Winterjacke als ich die Treppe in das Messestockwerk hinaufsteige. Mir wird ziemlich schnell ziemlich warm, so dass ich mich meiner Jacke entledige und mir wünsche, ich hätte sie doch der Dame an der Garderobe gegeben. Zunächst bin ich extrem überfordert und stehe an der Treppe, während ich mich zu orientieren versuche. Überall laufen schwule Pärchen herum, manche blutjung, manche schon älter und ich wünsche mir sofort meinen Engel herbei, um ihn an die Hand zu nehmen und gemeinsam mit ihm in die Stimmung einzutauchen. Da das nicht geht biege ich zuerst rechts ab. Eine Frau an einem Messestand drückt mir lächelnd einen Flyer für mexikanische Taschen in die Hand, kurz dahinter werden die „VIII. Gay Games Cologne 2010“ beworben. Ein Möbelhaus stellt Betten aus, die ich mit England vor 200 Jahren assoziiere. Nicht mein Geschmack. Für die Hochzeitsmeile, die sich an die Betten anschließt, ist es noch zu früh. Hier kann man Schmuck bewundern, Trauringe, einen Hochzeitsplaner um Rat fragen und seinem oder seiner Liebsten süße Sauereien vom Erotikbäcker mitbringen. Die Pflegeserie für den (schwulen) Mann ist das nächste Thema. Auf dem Tresen liegt eine Preisliste aus, aber ich wage es nicht draufzuschauen. Wenngleich der Stand durchaus sein Publikum findet glaube ich nicht, dass Schwule eine andere Gesichtspflege brauchen als andere Männer und lasse den Stand daher wo er ist. Der Zeitschriftenstand interessiert mich schon eher. „Blu“ ist ein neues Format, ebenso wie „Frontal“. Dummerweise liegen die Preise oftmals nicht weit unter zehn Euro, und so verzichte ich heute auf ein Exemplar. Stattdessen plausche ich mit dem Personal und frage endlich, wieso die Messe so weit außerhalb liegt. Er verweist auf die geringe Größe der Messe und auf die enormen Ausmaße der Messehallen in der City. Diese Veranstaltung, so erklärte er mir, würde in den gigantischen Dimensionen untergehen.

Da ich die Größe dieser Messe noch nicht erfasst habe vertraue ich seinem Urteil einfach mal. Zu meiner LINKEn präsentiert sich eine Partei den Wählern von morgen – und das ist wörtlich zu nehmen, denn am Sonntag wird in Hamburg gewählt. Weiter vorn befindet sich der Pride-Stand. Alles scheint hier regenbogenfarben zu sein. Gürtel, Schlüsselanhänger, Anstecker, Taschen, Handtücher, Flaggen und mehr. Nur die roten Schleifen sind nicht bunt sondern rot.

Auf der Messe sind natürlich alle Farben vertreten. Die nächste ist blau. Eine Firma macht hier Werbung für ihr Gleitgel und in einer Badewanne sitzt ein (vermutlich) nackter Typ in blauem Gel und lächelt sein Publikum an. Viel gibt es hier nicht zu sehen und so gehe ich weiter. „FSK 18“ steht am Eingang des nächsten Bereiches und ein bulliger Kerl in Uniform steht Wache. Für unter 18 gehe ich wirklich nicht mehr durch und so komme ich unbehelligt hinein. Sehr groß ist der Bereich nicht, zwei Messestände und dahinter die „Raucherlounge“, die mich so gar nicht reizt. Hinter dem ersten Stand stehen ein junger Typ in Uniform und ein anderer junger Typ in einer orangefarbenen Gefängniskluft, der zudem an Händen und Füßen in Ketten gelegt ist. Besonders unglücklich sieht er darüber nicht aus… Im Hintergrund läuft ein Film und erst etwas später stelle ich fest, dass mir die beiden Darsteller persönlich gegenüberstehen. Angezogen hab ich sie gar nicht erkannt… Ich betrachte die Auslage genauer und gebe dem Gefangenen dann etwas Geld. Nach dem Einkauf fragt er mich dann nach einem Autogramm. Als ich ihn fragend ansehe deutet er mit einer gefesselten Hand auf zwei Stapel mit Photos und sagt: „Na ja, Tom ist hier, ich bin hier…“. Da dämmert mir, dass er glaubt, ich müsse ihn kennen und er ist es, der mir ein Autogramm geben will. Da es kostenlos ist, nehme ich eines. Er heißt anscheinend „Andy“, wenn ich das richtig entziffere. An dem zweiten Stand werden eher praktische Accessoires ausgestellt, für die unser Schlafzimmer aber nicht groß genug ist.

Es wird immer wärmer und ich habe das Gefühl, dass meine Tasche schwerer und schwerer wird, während ich noch kein einziges Photo geschossen habe. Ich gehe an dem Stand einer schwulen Sportgruppe vorbei, an dem zwei Jungs gerade Tischtennis spielen. An den Wänden hängen Werbephotos mit nackten Läufern, nackten Fußballern und nackten Schwimmern – so wie in der Antike… Wieso glaubt eigentlich jeder, dass Schwule unbedingt nackt sein müssen, wann immer sie können…?! Obwohl…

Nach dem Stand eines Anbieters für Frischlufttelefone, einem Crêpes-Stand und einer TV-Bühne liegt auch schon die letzte Messestraße vor mir. Hamburger Hotels, schwule Photographie (stilvoll, aber für meinen Geschmack nicht sehr ausdrucksstark und viel zu wenig umfangreich) und ein Ostseebad trennen mich noch von der Messe-Cafeteria. Erschöpft lasse ich mich auf einen der Holzstühle an der Fensterfront sinken und hänge meine Jacke über die Lehne. Als ich dann die Speisekarte studiere bin ich auch schon nicht mehr hungrig, denn was die für eine Currywurst haben wollen… also da muss die Currywurst schon ganz schön riesig sein, und das ist sie nicht, denn der Pornostar, der neben mir sitzt, hat so eine auf dem Teller, und sie ist so winzig, dass ich ihn wohl nie wieder ernst nehmen kann…!

Damit mein Engel auch etwas von meinem Besuch auf der schwulen Messe hat, kaufe ich am Weinstand eine Flasche „Gaywine rouge“. Ein schwules Winzerpaar aus Süddeutschland stellt hier seine Weine aus. Das Schwulste an dem Wein ist wohl das Etikett, aber was soll ich sagen: Ich hab den Wein trotzdem gekauft.

Im Großen und Ganzen bin ich etwas enttäuscht von der Veranstaltung. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Die Palette schwuler Themen war schon recht umfangreich. Ich glaube es gab zu wenig zum Ausprobieren und entschieden zu wenig um sich einfach mal auszuruhen. Die Stände waren alle so klein, dass man sofort angesprochen wurde, wenn man nur mal kurz zu lange stehenblieb. Das nahm einem wertvolle Zeit zum Stöbern und ich fühlte mich immer von einem Stand zum nächsten gehetzt und war flugs komplett durch die Ausstellung. Aber das Schlimmste war wohl, dass ich ohne meinen Engel dort war und die Eindrücke mit niemandem teilen konnte, während um mich herum alle paarweise herumliefen.

Wenige Minuten später verpasste ich meinen Bus zurück zur U-Bahnstation, musste aber nur zehn Minuten auf den nächsten warten. Ich begutachtete meine Beute und fing langsam an zu frieren, weil es draußen nicht annähernd so heiß war wie drinnen. Der Busfahrer war netter als der von der Herfahrt. Als ich in der U-Bahn saß stellte ich fest, dass ich bis zu meiner Station durchfahren konnte. 18 Haltestellen ließ ich hinter mir ehe ich ausstieg und zum kleinen Auto zurücklief. Ich war gerade auf dem Autobahnzubringer, als mein Handy klingelte. Engelchen hatte schon Feierabend gemacht und war den ganzen Weg von der Arbeit nach Hause zu Fuß gelaufen wie früher. Es war schön, ihn wenigstens am Ohr zu haben. Eigentlich hatte ich ihn abholen wollen, aber so tankte ich nur noch den Wagen wieder nach und fuhr dann eilig zu ihm nach Hause, um meine Einkäufe zu präsentieren und die vielen Eindrücke zu verarbeiten. Wenngleich sich der lange Weg zur Messe nicht unbedingt gelohnt hat bin ich sehr froh, den Tag nicht wie üblich faul vor dem Rechner verbracht zu haben, während ich für gewöhnlich darauf warte, dass mein Engel Feierabend hat. So gesehen war es ein durchaus gelungener Samstag.

 

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