Die blaue Orchidee

Ich mag Baumärkte! Sie duften nach Holz, regen die Phantasie an, man kann einfach einen Blumentopf kaufen oder ein ganzes Haus bauen.

Mein Freund und ich waren eigentlich wegen etwas anderem im Baumarkt, nämlich einer LED-Lampe, die wir in die neue Leuchte über unserem neuen Esstisch schrauben wollten. LED ist die sparsamste Beleuchtungsmöglichkeit, ohne spürbare Wärmeentwicklung und ohne giftige Leuchtstoffe. Dummerweise hatten wir keine Ahnung, wie viel Watt so eine Lampe haben muss, damit sie genügend Licht abgibt. Die Auswahl im Baumarkt war überraschend einseitig, es gab tatsächlich nur eine einzige Größe: 1,6 Watt. Wir konnten die Lampe testen, in einer kleinen weißen Box. Hm. Machte eigentlich einen ganz guten Eindruck. Wir überlegten noch ein wenig, bevor wir die 15 Euro teure Lampe einpackten.

Gleich um die Ecke ist die Deko- und Pflanzenabteilung. Als kreativer Kopf mit mehr oder weniger grünem Daumen gehört sie zu meinen Lieblingsecken in jedem Baumarkt. Hier hat längst der Herbst Einzug gehalten. Überall stehen Keramikkürbisse, umrankt von künstlichen Ahornblättern und orange-roten Fensterbildern, als plötzlich ein paar Meter weiter eine blaue Orchidee meine Aufmerksamkeit erregt. Ich stelle den schwarzen Metall-Raben mit der kleinen Harke wieder ins Regal und bestaune die Farbenpracht dieses sonderbaren Gewächses. Ich suche das schönste Exemplar heraus und denke mir, dass neun Euro für eine so schöne Pflanze sicher nicht zu viel verlangt sind. Ich suche noch einen schlichten Übertopf aus und dann schlendern wir langsam durch den breiten Mittelgang zu den Kassen, vorbei an Teppichen und Tapeten, an Pinsel und Farben, Badewannen und Bohrmaschinen. Als wir nach einer Weile an der Reihe waren, strahlte die Kassiererin uns an und bewunderte die Schönheit unserer ausgesuchten Orchidee. Die Kundin neben uns, eine ältere Dame, schüttelte den Kopf und meinte, ihr sei die Orchidee zu künstlich. Ich lächelte höflich und dachte: „Was soll das denn heißen?! Die Pflanze ist echt!“ Dann nahm ich die gut gebaute, strahlend blaue Orchidee aus dem Übertopf, um das Preisschild scannen zu lassen und stutzte… Wieso steht denn da 24,99 Euro auf dem Preisschild?? Ich fragte die immer noch strahlende Kassiererin, ob da nicht vielleicht ein falsches Preisschild auf den Blumentopf geraten sei, denn das große Schild an dem Tisch, von dem ich die Pflanze genommen hatte, pries die Orchideen für neun Euro an. Lächelnd erklärte sie mir, dass die 8,99 Euro für die kleineren Orchideen gelten, die ebenfalls auf dem Tisch stehen. Unschlüssig betrachtete ich das Gewächs, entschied mich letztlich aber doch dazu, sie mitzunehmen, immerhin ist sie wirklich ziemlich üppig und noch dazu so wunderschön blau – wann sieht man schon mal so schön blaue Orchideen?!

Zu Hause angekommen erhielt das kostbare Stück einen ausgewählten Platz auf einer Fensterbank im Arbeitszimmer, wo wir uns die meiste Zeit aufhalten. Ich studierte die knappe Pflegeanleitung und recherchierte dann auch noch im Internet, um ihr die bestmögliche Pflege zuteil werden zu lassen. Ich fand es anfangs etwas seltsam, dass es hier nirgends blaue Orchideen gab. Scheint also eine wirklich seltene Art zu sein.

Die blaue Orchidee

Wenige Tage später, Engelchen und ich saßen an unseren Rechnern, sprang unser weißer Kater auf das Fensterbrett, um sich die Orchidee mal aus der Nähe anzusehen. Die Blüten interessierten ihn dabei nicht so richtig, er steckte seine Nase lieber in den Blumentopf. Als er sie wieder herausnahm, war die Nase blau. Wie geht das? Ich versuchte, den vermeintlichen Blütenstaub von der Katernase zu wischen, aber das ging nicht. Also schaute ich mir den Inhalt des Blumentopfes einmal näher an und entdeckte blauen Farbstoff, der die oberen Wurzeln bedeckte. Diese edle, königsblaue Orchidee ist eine Fälschung! Die Kundin im Baumarkt hatte recht! Ich fühlte mich betrogen und außerdem töricht. Da die arme Pflanze mit den eigentlich schneeweißen Blüten nichts dafür kann, blieb sie auf dem Ehrenplatz stehen. Der Baumarkt hingegen hat seinen Reiz für mich erst einmal verloren.

Welche Erfahrungen ich derweil mit meiner ersten LED-Lampe machte, erzähle ich in einem neuen Post.

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