Der Weihnachtsmarkt

Der berühmte Weihnachtsmarkt in der Marzipanstadt lockt meine Abteilung und mich am Dienstag in die Kälte. Es ist bereits stockfinster, als wir das Büro verlassen und die Fußgängerzone hinaufmarschieren. Hinter uns, gegenüber der alten Seefahrerkirche, dreht das Riesenrad seine Runden, das in jedem Jahr zur Weihnachtszeit dort steht. Aus den Äthern dröhnen weihnachtliche Schnulzen schwuler Popsänger und die Leute hetzen entweder eilig in das nächste Kaufhaus oder lächeln glückselig – die haben dann den Glühweinrundgang schon hinter sich. Den Chef im Schlepptau biegen wir rechts in den Rathaus-Innenhof ein. Der viereckige Platz wird in diesen Wochen von zahlreichen Buden bevölkert, an denen allerlei Köstlichkeiten für das leibliche Wohl sorgen – kaum einer verschwendet hier einen Gedanken an das drohende leibliche Unwohl des nächsten Tages…

Den ersten Halt machen wir beim Finnen. Aus der Schankbude, die von einem Elch auf dem Dach bewacht wird, wehen köstliche Wolken geistreicher Getränke zu uns herüber. Die erste Runde übernimmt Karen. Finnischer Weihnachtspunsch schmeckt köstlich, und dank der Nussstückchen im Gestränk, hat man gleich was zu knabbern… Obendrein wird mir schöööön warm! Wir halten uns eine ganze Weile vor dieser Bude auf, ehe wir uns darauf einigen weiterzuziehen und erst vor dem Holzmichel-Stand wieder anhalten. Die rustikale Almhüttenmusi dämpfen wir mit Lumumba und Feuerzangenbowle, und schon wieder wird mir schööön warm!

Ich habe meinen Becher noch gar nicht leer, da stupst mich wer von hinten an. Und da sind sie alle: Marte, Sebi, Thies und die ganze Clique. Shakehands, Bussibussi, wie geht’s denn so und bis später. Auch mein Engel hält sich ganz in der Nähe auf, seinerseits mit Freunden unterwegs.

Nach der heißen Tasse ist für mich auch erst einmal Schluss mit Schuss, obwohl meine Eisfüße längst wieder etwas Wärmendes verlangen. Gegen 21 Uhr klappen die Budenbetreiber müde die Schänken und Stände zu, die Lichter gehen langsam aus und schnell ergattere ich mir noch eine große Bratwurst! Absolut köstlich! Gerade, als ich den letzten Bissen herunterschlucke, vibriert mein Engel in meiner Hosentasche: „Bist Du noch hier?“ steht in der SMS. Ich drücke auf den grünen Knopf an meinem Handy und rufe ihn an, als plötzlich eine Frau rangeht. Wieso springt seine Mailbox an, wo er doch gerade geschrieben hat?? Ich tippe eine SMS zurück: „Bin im Mittelgang. Hol mich.“

Zwanzig Minuten später sind nicht nur meine Füße eiskalt. Von meinem Engel keine Spur. Zum inzwischen sechsten Mal rufe ich ihn an, und wieder geht nur die Mailbox ran. Ich werde ungeduldig, und nachdem ich mich vom kleinen Rest unserer Gruppe verabschiedet habe, umrunde ich den Markt, gehe jeden Gang ab und versuche verzweifelt, meinen Engel ans Telefon zu bekommen. Nichts. Kein Engel auf dem Markt, kein Engel am Telefon. Ich schreibe ihm, dass ich ihn nicht finden kann und nun mit dem Bus nach Hause fahre. Ich bin verärgert – das wärmt wenigstens ein bisschen. Wütend stapfe ich die Fußgängerzone hinunter und werfe einen Blick auf den Busfahrplan. Der nächste Bus in meine Richtung fährt in zwanzig Minuten, und so entschließe ich mich, zu laufen. In zwanzig Minuten bin ich auch zu Fuß zu Hause! Auf dem Weg nach Hause mischt sich Sorge in meinen Ärger. Es wird doch nichts passiert sein? Vielleicht ist der Akku leer? Wieso hat er dann nicht angerufen, statt eine SMS zu schreiben. Inzwischen muss ich dringend nach Hause… Auf halber Strecke höre ich einen Bus hinter mir. Ich beschleunige den Laufschritt und eile zur nächstgelegenen Haltestelle. Aber als ich mich umdrehe, ist da kein Bus. Nichtmal ein Auto… Verwirrt gehe ich weiter.

Mein Handy vibriert, als ich schon fast vor der Haustür stehe. „Ich bin’s, ich gehe jetzt zum Auto, bist Du noch hier?“ Ich bin fassungslos und stammele, dass ich inzwischen fast zu Hause bin. „Zu Fuß??“, fragt mein Weihnachtsengel. Gereizt erkläre ich ihm, dass mein Fahrrad in der Firmengarage steht, die jetzt abgeschlossen ist und ich nicht zwanzig Minuten in der Kälte auf den nächsten Bus warten wollte. Doch trotz kalter Füße und drückender Blase kann ich ihm nicht böse sein, als er mir erzählt, sein Handynetz wäre zusammengebrochen, so dass er mich nicht mehr erreichen konnte.

Eine Viertelstunde später sitzen wir beide beisammen, wärmen einander und erzählen uns Geschichten vom Weihnachtsmarkt. Beim nächsten Mal, da sind wir uns einig, gehen wir zusammen!

 

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