Der verirrte Wunsch

„Es ist noch eine ganze Stunde Zeit…“ sagt Engelchen, als ich um 19 Uhr getrocknet und gebügelt meine bequemen Schuhe anziehe. „Ich weiß,“ antworte ich, „aber nachher wird’s wieder so hektisch und dann vergessen wir die Hälfte.“

Die Hälfte ist’s nicht, die wir vergessen, als wir um kurz vor 20 Uhr in meinen neongelben Wagen steigen. Zwei Brettspiele, zwei Sixpacks, „Dinner for one“, Kamera und Stativ stellen unser Gepäck für den Silvesterabend dar. Bei knapp minus zwei Grad schabe ich die Windschutzscheibe frei und noch bevor der Wagen richtig warm geworden ist, erreichen wir die Wielandstraße auf der anderen Seite der Marzipanstadt. Als wir das Gepäck vom Wagen in die Wohnung von M. und B. schleppen, fällt mir der fehlende Sambuca auf, der noch immer zu Hause im Gefrierfach zittert…

Unsere Partytruppe besteht aus acht Leuten und gar nicht lange nach der Ankunft drängen wir uns um den Raclette-Grill in der kleinen Küche. Nachdem ich mein rotes Pfännchen einige Male gefüllt und wieder geleert habe sind auch schon zwei Stunden verflogen. Die Zeit bis Mitternacht verbringen wir mit Brettspielen – na ja, mehr als eins haben wir nicht geschafft… „Nobody is perfect“ ist ein irre lustiges Spiel, bei dem alle acht Anwesenden ihr Bestes geben.

Plötzlich ist es kurz vor null Uhr. Krischie hat Champagner mitgebracht, der nun sorgsam auf acht Gläser verteilt wird. Hastig ziehen wir schon mal Schuhe und Jacken an. Noch zwei Minuten! Noch eine Minute! Noch zehn Sekunden, neun, acht, ohje, Engelchen verträgt doch keinen Sekt…fünf, vier, egal, zwei, eins…

Der Champagner tut gut. Engelchens Küsse auch. Als mir grad so richtig schön warm wird stiefeln wir hinaus in die (noch) klare Nachtluft. Keine Sekunde zu früh, denn augenblicklich starten zischend überall die Feuerwerksraketen aus ihren leeren Sektflaschen und am dunkelblauen Nachthimmel über der Marzipanstadt blühen die seltenen Neujahrsblumen auf. Hellrot, leuchtend-blau, frühlingsgrün und gold- und silberfarben, bevor sie nur Sekunden später wieder verblühen.

Same procedure as every year? Von wegen: Sowas hab ich noch nie gesehen – M. und B. hantieren an der Straße mit einer großen weißen Papiertüte und einem Feuerzeug. Es dauert eine Weile, bis der Funke in der kalten Nacht überspringt, aber dann leuchtet die Wunschlaterne auf, füllt sich mit heißer Luft und steigt kurz darauf langsam, ganz langsam in die Luft und trägt M. Wunsch hinauf in den wolkenlosen Himmel. Acht Partypeople und mindestens so viele Neujahrsnachbarn stehen und schauen dem Wunsch staunend hinterher, der immer höher steigt, bis er von den vielen Sternen, die bestimmt auch alle mal Wünsche waren, nicht mehr zu unterscheiden ist. Der zweite Wunsch ist schon in Arbeit und gehört B. Wieder hantieren die beiden mit dem Feuerzeug in der weißen Laterne. Inzwischen hat sich eine kleine Menschenansammlung gebildet. Der Atem kondensiert, als sie gebannt die Vorbereitungen bestaunen. Aber was ist das, hat M. grad das böse „Sch…“-Wort gesagt? Anscheinend sind Löcher im Laternenpapier! Die Spannung nimmt zu. Wird Bs Wunsch abheben und dem von M. folgen? Eine halbe Minute später ist es soweit: Ein bisschen wackelig aber pflichtbewusst schwebt die weiße Laterne aus Bs Händen, arbeitet sich mühsam nach oben, weiter und weiter… am besten mehr links, liiiiiinks…

Das frühe Ende einer Reise…

Ein bisschen nervös sieht der Mann schon aus, als er seinen dunkelblauen Wagen unter dem Baum wegfährt, in dessen nackten, dünnen Zweigen eine brennende weiße Laterne hängt. Auch die umstehenden Leute haben ihren kondensierten Atem angehalten und der Wunschbesitzer wirkt ein wenig ratlos. Hätte er sich doch nur eine Leiter gewünscht…

Wir werfen ausgediente Feuerwerkskörper nach der Laterne, aber nach dem zweiten Treffer steht sie vollends in Flammen. Das hauchdünne Papier verbrennt in Sekundenschnelle und ehe der Baum Feuer fangen kann fällt der Metallring klirrend zu Boden, während sieben Meter weiter oben das Wunschpapier zu glimmender Asche wird und sich in der Nacht verteilt.

Ungetrübt dieses missglückten Flugmanövers schießt B. noch ein paar bunte Raketen in den Himmel. Vielleicht hat er einer von ihnen einen neuen Wunsch mit auf den Weg gegeben. Manchmal muss man eben ein bisschen nachhelfen.

Als wir wieder in die warme Stube zurückkehren ist fast eine Stunde vergangen. Artig liegt das lustige Brettspiel noch auf dem gläsernen Couchtisch, mein gelber Spielstein steht seit dem letzten Jahr ganz vorn und wartet darauf, in den letzten Zügen als erster in das Ziel zu laufen. Es ist vier Uhr nachts, als sich die Partyrunde nach einem weiteren Spiel, ein paar Gläsern Cuba libre, Weißwein und Salzstangen allmählich an weiche Betten erinnert.

Um kurz nach halb fünf versinke ich zu Hause in tiefen Schlaf und stelle beim Aufwachen neun Stunden später wehmütig fest, dass es schon fast wieder dunkel wird…

Allen ein frohes neues Jahr, in dem hoffentlich all Eure Wünsche Flügel bekommen!

 

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