Der Dentist

Mir graut vor dem Gedanken, was in einer guten Stunde passieren wird. Als es zuletzt passierte, war ich 20 und hatte meinen Wehrdienst gerade absolviert…

Heute früh erwachte ich, und draußen war es dunkel. Nur ganz wenige Autos waren auf der Straße zu hören. Von Berufsverkehr an diesem Freitagmorgen noch keine Spur. Ich erwachte vor Schmerzen. Es war fünf Uhr. Die Entzündung im Kiefer, die vor zwei Tagen begonnen hatte, war nicht von selbst wieder verschwunden. Die Apothekerin, die ich gestern Abend um ein Mittelchen ersuchte, sagte es ganz deutlich: „Gehen Sie auf jeden Fall zum Zahnarzt. Am besten noch vor dem Wochenende…“. Schmerztabletten gab sie mir dennoch mit. Außerdem ein Kühlpad. Abends nahm ich zwei von den Tabletten und legte das blaue Pad ins Eisfach. Als ich schlafen ging, gelang es mir, den gedämpften Schmerz zu ignorieren.

Um fünf Uhr lag ich wach im Bett. Neben mir hörte ich nur das leise Atmen meines schlafenden Freundes. Der Schmerz im Oberkiefer pochte. Ich schlug die warme Bettdecke beiseite, entdeckte den weißen Kater in seinem Bettchen und schlüpfte in meine hellblauen Hausschuhe. Ich musste dringend pinkeln und ging ins Bad. Als ich mein Gesicht im Spiegel betrachtete, bildete ich mir ein, es sei geschwollen. Ich spülte mir den Mund aus und schluckte eine weitere Schmerztablette.

Das Kühlpad aus dem Eisfach wickelte ich in ein Handtuch und nahm es mit ins Bett. Mein Engel hat von meinem Ausflug nichts mitbekommen, und auch die Kater sahen es nicht ein, sich für einen nächtlichen Rundgang aus dem Bett zu bequemen. Ich suche nach einer angenehmen Liegeposition, die sich mit dem blauen Kühlpad vereinbaren lässt und falle eher schlecht als recht bald wieder in einen leichten Schlaf.

Als ich knapp vier Stunden später erneut die Augen öffne, den gewohnten Verkehrslärm von der Straße höre und die Schmerzen immer noch da sind, wird mir klar, dass der Zeitpunkt gekommen ist. Ungefähr elf Jahre hatte ich Angst vor dem Tag, an dem ich gezwungen wäre, zum Zahnarzt zu gehen. Das ist eine ganz schön lange Zeit. Unvernünftig natürlich. Aber ich habe mich immer schon vor Schmerzen gedrückt, die man vermeiden konnte. Meine Zähne taten ihr Übriges. Es gab nie Probleme in der Zeit. Eine Entzündung dauerte nie länger als einen Tag, und eigentliche Zahnschmerzen sind mir fremd.

Ich googlete nach Zahnärzten in der näheren Umgebung. Es war leicht, gleich der erste Versuch offenbarte eine schicke Praxis, keine fünf Autominuten entfernt. Ich las mir die reichlichen Informationen durch, riskierte einen Blick auf die Ärzte und wählte die Nummer. Eine Frau meldete sich am anderen Ende.

Jetzt ist es zwölf Uhr. In einer Stunde geht es los. Was auch immer… Ich zittere, habe kalte Hände und das Mitgefühl meines Engels…

 

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