Der Anruf

mein dad hat zwei tage vor mir geburtstag und ist damit wassermann, wie ich. das ist auch schon fast alles, was ich von ihm weiß, denn ich habe ihn vor circa 18 jahren zuletzt gesehen. nach der trennung meiner eltern vor 25 jahren wurde er zum alkoholiker und hat sein leben nie wieder in den griff bekommen. als ich noch klein war, durfte ich ihn anfangs besuchen. alle zwei wochen holte er mich am wochenende zu sich nach hamburg. es waren keine glücklichen wochenenden, denn sobald wir bei ihm angekommen waren, griff er zur flasche. ich war als kind mit der situation ziemlich überfordert, versuchte aber, gute mine zum bösen spiel zu machen, denn ich wusste, wenn das herauskam, würde ich ihn nicht mehr wieder sehen dürfen. ich erinnere mich, wie hilflos er immer war und wie oft er weinte. er war schrecklich einsam.

eines tages stand ich am freitagabend bereit, hatte meine kleine reisetasche für’s wochenende gepackt und wartete auf ihn. ich erinnere mich, dass ich mit legosteinchen spielte und irgendwas unbedeutendes zusammenbaute. aber mein dad kam nicht, um mich zu holen. meine mum wartete ebenfalls und wurde wütend, dass er mich sitzen ließ. inzwischen weiß ich, dass sie das besuchsrecht gerichtlich außer kraft hatte setzen lassen, weil er nicht einmal bei meinen besuchen die finger vom alkohol lassen konnte. sie hatte gehofft, ich würde wütend auf ihn sein, weil er mich scheinbar sitzen gelassen hatte. ich wurde nicht wütend, nur traurig. auch zwei wochen darauf kam er nicht. das ist nun 18 jahre her. ich sah ihn nie wieder. und jetzt ist er tot. vor einer stunde erhielt ich über umwege den anruf von seiner schwester. er lag wohl schon wenige tage in seiner wohnung in hamburg, jetzt hat man ihn gefunden. meine tante versprach, mich anzurufen, wenn der beerdigungstermin feststehen würde. sie fragte, ob ich kommen würde. ich überlegte nicht lange – er war mein dad, auch wenn wir keine persönliche beziehung zueinander hatten.

das fehlen dieser bindung ist wohl der grund, weshalb ich nicht richtig traurig bin. vielleicht kommt das noch… ich kannte meinen dad so gut wie gar nicht, ich weiß nicht mal mehr, wie er ausgesehen hat. dennoch ist es ein seltsames gefühl. ich bin der letzte aus seiner linie, der noch übrig ist, nachdem meine kleine schwester starb, als ich sechs jahre alt war. ein stammhalter bin ich nicht geworden, damit endet diese familie bei mir. irgendwie ist das eine bürde, die mir erst jetzt bewusst wird. zum glück gibt es noch geschwister, die zwar nicht seinen namen aber immerhin einen teil der familie in die zukunft bringen.

 

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