Damokles

Nach der Zeitumstellung von letzter Nacht sind wir heute Morgen relativ früh aus dem Bett gekullert. Nicht einfach so natürlich, sondern weil unsere Altbauwohnung unter ungeübten Händen und Füßen so einen Krach gemacht hat…

Wie man sieht, bin ich in der letzten Zeit wieder einmal nicht zum Schreiben gekommen. Überhaupt habe ich nicht so richtig viel zustande gebracht seit meiner letzten Aufzeichnung. Das lag sicher nicht zuletzt daran, dass ich im Büro wahnsinnig viel zu tun habe, seit der September zum Oktober wurde. Wenn ich abends in der Altstadt aus dem Büro komme, ist es draußen dunkel und kalt. Eingepackt in Mütze, Schal und Handschuhe radele ich wacker nach Hause und freue mich, wenn es nicht regnet. Zu Hause passiert dann nicht mehr viel, weil ich völlig k.o. bin…

Dennoch waren Engelchen und ich am ersten Oktoberwochenende bei meinen Eltern, um deren Silberhochzeit zu feiern. In meinem letzten Eintrag erzählte ich schon von der Vorbereitung des Geschenkes (zumindest eines Teils davon). Über das Foto haben sich unsere Eltern riesig gefreut. Familienfeiern sind mir eigentlich ein Graus, aber ich hab so wenigstens alle mal wieder gesehen. Und nach dem zweiten Sambuca mit meinen Brüdern fand ich bald alles ganz toll… Nach dem dritten und vierten auch und dann hab ich auch schon nicht mehr zählen können, aber ein paar waren es wohl schon noch… Irgendwann mussten wir meinen jüngsten Bruder dann nach Hause schaffen, was gar nicht so einfach war. Der war vielleicht doon!

Am nächsten Morgen wachte ich gegen neun Uhr im Gästezimmer meiner Eltern neben meinem Engel auf. Ich öffnete vorsichtig meine Augen und dachte: ‚Cool, dreht sich gar nicht…‘. Dann drehte ich mich um und dachte: ‚Scheiße, umdrehen war keine so gute Idee!‘ Ich war dann bald aufgestanden und hinunter in die Küche gewankt, dorthin, wo es Kaffee gab! Meine Schwägerin war auch schon wach und grinste mich ganz seltsam an… Dann zog sie meine Kamera hervor und zeigte mir die Fotos, die am Abend zuvor von mir gemacht worden waren… Oh. Mein. Gott! An ein paar Szenen kann ich mich wirklich nicht mehr erinnern…

Am Wochenende darauf stand die nächste Familienfeier an – obwohl, „Feier“ ist nicht ganz das richtige Wort. Wir haben meinen zweitjüngsten Bruder verabschiedet. Er ist Soldat und ist vor ca. zwölf Stunden nach Afghanistan geflogen. Inzwischen dürfte er längst dort sein. Gerade sind die Sorgen um den einen Bruder abgeflaut, mache ich mir große Sorgen um den zweiten. Und das für die nächsten sechs Monate…

Am Donnerstag stand bei meinem Engel ein Einstellungstest an. Nachdem er sich fast zwei Wochen hochdiszipliniert darauf vorbereitet hatte, wurde es wirklich Zeit, dass er das angesammelte Wissen endlich abladen durfte. Jetzt sind wir gespannt, ob es sich gelohnt hat…

Gestern bekamen wir dann Besuch von Nate. Nachdem wir am letzten Wochenende nach der Verabschiedung meines Bruders bei ihm nächtigen durften, luden wir ihn gestern zum Essen ein. Dass wir ihn dabei gleich zum Reifenwechsel verdonnerten, war eigentlich nicht geplant. Aber sein Beruf als Kfz-Mechaniker prädestiniert ihn geradezu. Als er gestern bei uns eintraf, wurde es allerdings gerade dunkel, und so haben wir die Mechanikerei auf heute verschoben. Und so kam es, dass unsere Wohnung heute Morgen laute Geräusche machte. Der Altbau-Dielenfußboden knarrte bei jedem Schritt unseres Freundes, als er morgens still und leise das Luftbett verließ. Die Türen, die er so leise wie möglich zu öffnen und schließen versuchte, machten es ihm nicht leicht und knarrten und klackten und quietschten geräuschvoll. Und obwohl er sich so viel Mühe gab, uns nicht aufzuwecken, hatte er keine Chance. Ich werde ja sowieso beim kleinsten Geräusch wach und amüsierte mich heimlich über seine verzweifelten Versuche, keinen Lärm zu machen… Gemein, ich weiß, aber ich bin dann ja auch aufgestanden, damit er sich nicht mehr abmühen muss.

Gemeinsam tauschten wir die schicken Sommerräder bei meinem Wagen gegen die schwarzen Winterräder. Der linke Scheinwerfer wurde auch gleich fachmännisch repariert und jetzt ist das blaue Auto wieder einsatzbereit und wintertauglich.

So ein Gastgeberwochenende ist immer ziemlich anstrengend, und nachdem unser Besucher nach Hause aufgebrochen ist, hängen Engelchen und ich ziemlich durch und vermeiden jede unnötige Bewegung. Morgen muss ich wieder arbeiten, während mein Freund noch eine letzte Woche krankgeschrieben ist. Ab erstem November darf er dann wieder arbeiten, mit weniger Stunden und weniger Geld. Bleibt die Hoffnung, dass er bald einen neuen Job hat, damit es wieder aufwärts gehen kann.

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