Computer says no!

Es war Dienstag, als ich mich in der Mittagssonne auf mein Bike schwang und von der Firma aus zur Zulassungsstelle fuhr. Auf meine telefonischen Rufe hatte niemand geantwortet und so fuhr ich auf blauen Dunst einfach hin. Zunächst kurvte ich einmal um den ganzen Meesenring, bis ich die Zulassungsstelle endlich gefunden hatte. Mein Fahrrad schloss ich an einem dicken Metallständer an und betrat das Gebäude durch eine hässliche türkis-graue Metalltür und gelangte in einen gigantischen Wartesaal, der größer als unsere Wohnung ist. Ich zog eine Nummer und setzte mich auf einen Stuhl. Nur eine Frau wartete noch mit mir, ansonsten war der Saal verlassen. Fünf Minuten später war ich auch schon an der Reihe. Ich stieß eine weitere hässliche Metalltür auf und lief geradewegs zu Sachbearbeiter Nummer acht. Ich verriet ihm meinen Namen und dass ich mein neues Auto anmelden wollte.

„Wenn Sie was abmelden wollen brauche ich das Kennzeichen.“

Ich blickte ihn fragend an:

„Ja, aber ich möchte es ja ANmelden…“.
„Ist denn das Fahrzeug aktuell noch zugelassen?“
„Ja sicher – achsoooo… ja also die Kennzeichen hat der Händler dann bestimmt mitgeschickt…“
„Wie lautet denn das Kennzeichen, damit ich in der Datenbank nachsehen kann, ob es hier angekommen ist?“
„Ja, also das weiß ich nun wirklich nicht.“
„Kein Kennzeichen. Keine Ummeldung.“

Die Frau mit dem polnischem Akzent am anderen Ende meines Handys wirkt ein wenig ratlos, als ich sie nach dem Kennzeichen meines neuen Autos frage. Sie verbindet mich weiter an eine Frau ohne Akzent, die mir aber genauso wenig helfen kann. Sie verbindet mich weiter und dann habe ich Nadine am Hörer – Gott sei Dank, jemand der Ahnung hat! Und so dauert es wohl weniger als eine Minute, bis sie mir sagt, unter welcher Nummer mein Wagen bisher zugelassen ist. Sachbearbeiter Nummer acht tippt das Kennzeichen in den Computer und sagt:

„Nein, ist noch nicht hier.“

Verärgert und verstört radele ich rüber zum Stadtteilbüro, denn dort werden die Unterlagen zuerst aufschlagen. Auch hier komme ich gleich dran, aber hier sind die Unterlagen auch nicht. Sachbearbeiter Nummer vier sichert mir jedoch zu, dass die Unterlagen gleich an die Zulassungsstelle weitergeleitet werden, wenn sie hier ankommen. Bis Donnerstag sollte das auf jeden Fall klappen.

Heute ist Donnerstag. Ich habe einen Urlaubstag genommen. Um halb elf rief ich bei der Zulassungsstelle an. Die Dame war sehr freundlich, tippte das Kennzeichen in den Computer ein und sagte:

„Nein, das ist noch nicht hier.“

Ich erkläre ihr, dass das Autohaus das an das Stadtteilbüro schickt.

„Oh!“ sagt sie, „dann kann das noch dauern. Vom Stadtteilbüro aus geht das erst an die zentrale Postverteilungsstelle und von dort aus wird das dann uns zusortiert. Das kann jetzt bis zu ’ner Woche dauern…“

Ich gebe ihr zu verstehen, dass das eine Katastrophe ist und sie sagt, ich solle in einer halben Stunde noch einmal anrufen, dann wäre auch die Post durch.

Um mich abzulenken putze ich den FIAT von innen so gründlich, dass er jetzt als Neuwagen durchgehen würde! 40 Minuten nach dem letzten Telefonat rufe ich erneut die nette Dame von der Zulassungsstelle an. Wieder tippt sie, wieder sagt der Computer nein. Sie sagt, sie guckt schnell die Post durch – aha! da ist ein großer Umschlag vom Stadtteilbüro…… Moisling. Meine Unterlagen jedoch sind nicht dabei. Ich bedanke mich artig und lege auf. Was nun? Ich wollte das Auto morgen abholen… Ich steige in den Wagen und fahre zum Stadtteilbüro. Ich habe eine Stinkwut auf Sachbearbeiter Nummer vier! Wieder komme ich schnell an die Reihe und der Sachbearbeiter Nummer vier von heute ist ein Azubi. Als ich ihm klarmache, dass die Unterlagen genau hierherkommen, weil das Autohaus das so auf den Briefumschlag geschrieben hat, geht er nachsehen. Fehlanzeige. Keine Unterlagen.

Ich bin einer Ohnmacht nahe, laufe rüber zur Zulassungsstelle, betrete den Wartesaal und ziehe die Nummer E77. Der Wartesaal ist voll und ich habe elf Leute vor mir. Ich setze mich hin und nach zehn Minuten habe ich immer noch zehn Leute vor mir. So geht es weiter im Zehn-Minuten-Takt.

Ich gehe einkaufen. Blumenerde. Abendessen. Lustiges Taschenbuch. Ich trage die Einkäufe zum Auto, das noch bei der Post steht, wo ich es vor anderthalb Stunden abgestellt habe. Ich drehe die Parkscheibe nach und laufe mit dem lustigen Taschenbuch unter dem Arm wieder zur Zulassungsstelle. Hier hat sich einiges getan, denn nur noch drei Leute sind vor mir dran! Ich warte weitere 15 Minuten und dann kommt mein Gong. Schweren Schrittes gehe ich durch die Metalltür zu Sachbearbeiter Nummer neun. Ich schleime mich ein, indem ich sage:

   „Mann, Sie haben ja irre viel zu tun heute!“

Es hat geklappt, er geht natürlich darauf ein und bei genauerem Hinsehen stelle ich fest, dass nur zwei von 14 möglichen Sachbearbeitern da sind… Ich erzähle ihm, dass ich mein Auto ummelden möchte und das Autohaus die Dokumente hergeschickt hat. Und dann tippt er das Kennzeichen in seinen Computer, guckt auf den Kalender an der Wand hinter mir und sagt:

„Jo, sind heute gekommen.“

Ich möchte schreien, aufspringen, tanzen und jubeln!

„Oh. Schön.“ sage ich.

Er läuft los und holt einen Umschlag mit den Fahrzeugpapieren, packt den Brief und den Schein und die Überführungspapiere sowie einen kleinen Brief von Duitsmann auf den Tisch. Er tippt etwas in seinen Computer und sagt:

   „Und die alten Kennzeichen haben Sie dabei?“

In Gefahrensituationen können Menschen ja sehr schnell denken. Die Sinne schärfen sich, alles wird ganz klar und deutlich und die Reaktionen werden schneller. Mein Blick fliegt auf die Fahrzeugpapiere und auf den Duitsmann-Brief.

„Die sind hier im Tresor.“

antworte ich und tippe mit dem Zeigefinger auf die handgeschriebene Notiz.
Nachdem Sachbearbeiter Nummer neun ein paar Mal hin- und hergelaufen ist konnte er den Tresor öffnen und hatte die Kennzeichen in einem weiteren Umschlag dabei. Mir fiel nochmals ein Stein vom Herzen. Er fragt, ob ich einen Kennzeichen-Wunsch habe und ich schlage meine Mappe auf, in der das via Internet reservierte Kennzeichen notiert ist. Kein Problem, Kennzeichen eingegeben.

„Gut, dann zahlen Sie an der Kasse bitte 42 Euro 30.“

Ich habe nur 20 Euro dabei…

„Kann ich auch mit Karte zahlen?“
„Nein, das geht leider nicht.“

Der Geldautomat ist nicht weit weg, nur einmal um die Ecke. Auf dem Weg ordere ich gleich die neuen Kennzeichen im Laden nebenan und bin flugs wieder zurück. Nur noch alles unterschreiben, an der Kasse bezahlen und endlich, endlich ist mein Auto auf mich zugelassen!
Als ich das Gebäude verlasse strahle ich heller als die Sonne am blauen Himmel und schwebe zurück nach Hause. Morgen will ich den Wagen denn abholen – wenn nicht noch irgendwas passiert…

 

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