Coming-Out

:: ich bin schwul

Drei Worte, drei Silben, tausend Ängste. Bevor man diese Worte ausspricht und auch so meint, vergeht oft eine enorm lange Zeit. Eine Zeit, die für die meisten extrem verwirrend, teils beängstigend und unglaublich schwierig ist. Schwierig deshalb, weil man mit seinen Gefühlen und Ängsten so vollkommen allein dasteht. Auf der ganzen Welt scheint es niemanden zu geben, den man um Rat fragen kann.

:: get real

Irgendwann in meinem Leben wurde die Vorstellung, dass ich mit Mädchen in Sachen Liebe nichts anfangen kann, allmählich konkreter. Während in meiner Schulklasse Geschichten die Runde machten, wer am Wochenende welches Mädel flachgelegt hatte, stand mir der Sinn eher danach, verstohlene Blicke auf meine männlichen Mitschüler zu wagen. Ich fand das viel aufregender. Ich war 17 oder 18, als ich endlich für mich selbst klarstellte, dass ich tatsächlich schwul bin. Für eine Phase war es längst zu lang und die Leidenschaft, die andere für Mädchen entwickelt hatten, bezog sich bei mir unbestreitbar auf Männer. Bei manchen wurde mir heiß und kalt, wenn sich unsere Blicke trafen, elektrische Energie schien durch meinen Körper zu fließen, wenn sich im Schulbus versehentlich unsere Knie berührten, bevor wir sie nach dem Bruchteil einer Sekunde wieder auf sichere Distanz zueinander brachten. Wenn ein Versandhauskatalog mit der Post kam, blieb ich als erstes auf den Seiten für Herrenunterwäsche hängen und im Kaufhaus hing einmal ein Werbeplakat – für Jeanshosen glaube ich – auf dem sich zwei Männer zärtlich umarmten. Das war ein Wahnsinnsgefühl, mir war klar, wohin ich gehörte, mir war klar, dass ganz allmählich auch die vielen Menschen da draußen mit Schwulen umgehen, wenn sie sogar Werbung mit ihnen machten.

:: verschwende deine Zeit

Die Jahre danach waren für mich nicht unbedingt einfacher, sondern im Gegenteil sogar noch schwieriger. Ich wusste nun, dass ich schwul bin – aber sonst wusste es niemand. Zu meinen Eltern hatte ich nie eine große emotionale Bindung, über Beziehungen und Sex haben wir nie geredet. Als mich irgendwann mal ein Schulfreund auf seinem Motorroller abholte, weil wir zu einer Party eingeladen waren, fragte meine Mum in unmissverständlichem Ton: „Also… ihr seid doch nicht etwa schwul, oder?!“

Der Schulfreund war nicht schwul, aber meine Mum hatte keine Ahnung, dass sie mir damit gleich noch ein paar Jahre mehr aufgebrummt hatte. Bis auf vereinzelte anonyme Techtelmechtel, aufregend und gefährlich an zweifelhaften Orten, konnte ich bis dahin in Sachen Männer und Sex keine wirklichen Erfahrungen sammeln. Und auf mehr ließ ich mich nicht ein, denn eine Liebesbeziehung etwa war viel zu riskant, niemand durfte etwas erfahren. Ich hatte panische Angst, dass meine Eltern etwas herausfinden könnten.

Irgendwann fand ich auf dem Klo zwischen meiner Schule und dem Bahnhof drei Porno-Magazine. Schwule natürlich. Zunächst hütete ich sie wie einen seltenen Schatz, versteckte sie gut, um meiner Mum oder meinen Geschwistern nicht die Gelegenheit zu geben, sie unter der Matratze oder so zu finden. Doch als mir zwischenzeitlich meine Gefühle einfach zu schwierig wurden, nahm ich die Hefte und warf sie eigenhändig in den Altpapiercontainer, als wären damit meine Probleme beseitigt. Mit 23 verließ ich mein Elternhaus nach der Ausbildung.

:: Vertrauen

Am 6. Januar 2001 wählte ich mich in meiner frisch bezogenen Einzimmerwohnung im zweiten Stock zum ersten mal ins Internet ein. Am selben Abend traf ich im Chat meinen bis dahin guten Freund Jan. Seine Freundin hatte ihn kürzlich verlassen und er war sehr niedergeschlagen. Mehrere Stunden „hörte“ ich ihm aufmerksam zu, versuchte mich mit aufmunternden Worten. So wurde das Gespräch immer vertraulicher und ich fasste einen unausgereiften Entschluss. Ganz vorsichtig versuchte ich das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, und zwar auf mich. Es gelang mir und wir kamen darauf zu sprechen, wie es bei mir mit Freundinnen aussähe. Ich hatte natürlich bis dato noch keine Freundin, und er meinte, eines Tages würde schon die Richtige kommen. Das war der Satz, auf den ich gewartet hatte und ich antwortete: ‚Ich glaube nicht, dass ich auf DIE Richtige warte…’. Ich zitterte am ganzen Leib und mein Blick klebte wie gebannt auf meinem Monitor. Es dauerte einige Sekunden, bis die Frage kam: ‚Wie meinst du das?’ ‚So wie’s klingt, denke ich’ antwortete ich. Seine Reaktion war klasse. Er schrieb, dass er damit absolut kein Problem hätte. Ich war so erleichtert, dass ich plötzlich zu schweben schien. Die folgenden Stunden gab es für uns kein anderes Thema und ich erzählte ihm alles. Es war früher Morgen, als wir entschieden, an dieser Stelle vielleicht doch langsam schlafen zu gehen.

:: ein gutes Gefühl

Von dem Zeitpunkt an änderte sich alles. Wenn in unserer Clique über Frauen geredet und gescherzt wurde, sahen Jan und ich uns an und grinsten. Es war ein Wahnsinnsgefühl, dass jemand da war, der mein Geheimnis kannte. Der Schwebezustand hielt mehrere Wochen an. Im Monat darauf wurde ich 24 und kurz danach fragte mich Jan, weshalb ich seinerzeit bei ihm aufgehört hätte und es niemandem sonst erzählte. Da verlor die Wolke, auf der ich bis dahin schwebte, an Tragkraft und ich sank wieder auf den Boden der Realität zurück. Ich erklärte ihm, dass ich einfach noch nicht so weit sei. Das war ein Donnerstagabend. Und dann kam der Freitag.

:: Freitag, der 23.

Es war ein ganz gewöhnlicher Freitag mit ganz gewöhnlicher Arbeit, die irgendwann ganz gewöhnlich endete. Ich packte meine sieben Sachen und schwang mich in mein Auto, um die 20 Kilometer nach hause zu fahren. Doch auf dem Parkplatz machte sich tief in mir wieder so ein unausgereifter Gedanke breit. Mein Puls schnellte hoch, ich drehte den Zündschlüssel, legte einen Gang ein und fuhr los. Doch statt im Kreisverkehr die dritte Ausfahrt nach hause zu nehmen, fuhr ich die zweite ab. Ich war auf dem Weg zu meinen Eltern. Auf den 15 Kilometern gingen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Wie ich es am schonendsten formulieren könnte, wie ich meine Gefühle unter Kontrolle behalten sollte, unzählige Möglichkeiten, wie sie reagieren könnten und wie ich darauf reagieren könnte… Ich war so durch den Wind, als hätte ich zuviel Alkohol getrunken. Eigentlich hätte ich wohl gar nicht fahren dürfen.

Als ich endlich das Haus meiner Eltern erreichte und die Auffahrt hinauffuhr, konnte ich es nicht glauben: Sie waren nicht zu hause. Ich klingelte an der Tür, aber niemand öffnete. Ich sah meine Felle davonschwimmen und war mir sicher, dass ich dies wohl so bald nicht noch einmal hinkriegen würde. Völlig fertig setzte ich mich wieder ins Auto und fuhr davon. Als ich fast zu hause war, bog ich noch einmal ab und fuhr zu unserem Clubraum. Ich dachte mir, wenigstens dort könnte ich reinen Tisch machen. Ich fuhr hinter das Gebäude auf den Parkplatz – und es war niemand dort. Alles schien so unwirklich. Zu hause fiel ich als erstes erschöpft auf meine Schlafcouch. Es dämmerte bereits und ich war enttäuscht, dass der Schritt, vor dem ich mich seit mindestens sechs Jahren so fürchtete, nicht zum Zuge gekommen war. Im Internet wollte ich Jan davon erzählen, aber Jan war auch nicht da.

Eine halbe Stunde später saß ich wieder im Auto, wieder auf dem Weg zu meinen Eltern. Wenigstens war meine Schwester jetzt zu hause. Sie ließ mich rein und ich wartete in der Küche. Meine Hände waren eiskalt, der Puls raste und als meine Eltern 40 Minuten später ankamen, wurde mir schwindlig. Meine Mum sah mich an und wusste sofort, dass etwas nicht stimmte, weil ich noch nie um die Uhrzeit dort war. ‚Nein nein, alles OK’, log ich. Als sie das dritte mal nachfragte, was denn nun los sei, bat ich meine Eltern auf ein vertrauliches Gespräch ins Wohnzimmer. Auch das war noch nie zuvor passiert. Auf dem Weg dorthin die Stufen nach oben löcherten sie mich mit tausend Fragen, die alle in die falsche Richtung gingen. Wir setzten uns und ich war der Ohnmacht nahe. Ich konnte sie nicht ansehen, aber sie sahen mich an, tief und bohrend, warteten auf das, was kommen sollte. Ich versuchte vergeblich mich zu beruhigen, holte schließlich tief Luft und erklärte ihnen, dass ich dieser Tage ihnen und all meinen Freunden erzählen würde, dass ich schwul bin.

Als ich es vor ihnen ausgesprochen hatte, schloss ich die Augen, zitterte wie Espenlaub und wartete auf irgendeine Reaktion. Die Sekunden schienen wie Stunden zu dauern, bis meine Mum zitternd meine Hand ergriff und mit schwerer Stimme sagte: ‚Das macht nichts. Du bist trotzdem unser Sohn’. Mein Dad sagte nichts, bis auf: ‚Erzähl es niemandem, wir sagen auch nichts’. Ich machte ihm klar, dass ich aber genau das vorhätte, nämlich meine Freunde einzuweihen, damit ich nicht mehr lügen und mich nicht mehr verstellen müsste. Nach einer Weile gingen wir zurück in die Küche, wo meine drei jüngeren Geschwister neugierig warteten (sie erfuhren von alledem aber erst einige Zeit später). Meine Mum setzte Kaffee auf, doch bis ich meine Tasse überhaupt wieder greifen konnte, ohne den Inhalt auf dem ganzen Tisch zu verteilen, war der Kaffee darin kalt geworden.

Ich ging an dem Abend mit der Gewissheit, dass noch nicht alles gesagt war. Und tatsächlich standen am darauffolgenden Mittag meine Eltern vor meiner Tür. Sie konnten das alles noch nicht so recht glauben und versuchten mich davon zu überzeugen, dass ich vielleicht doch nicht schwul sei und es doch wenigstens mit einer Frau versuchen könnte. Ich zitterte nicht mehr, fühlte mich selbstsicher genug und erklärte ihnen einfühlsam, dass es nichts zu versuchen gäbe und dass das ganze auch keine bewusste Entscheidung sei, nach dem Motto, ich bin jetzt mal schwul. Es ist wie es ist. Einfach so. Sie hatten es verstanden. In den Tagen darauf machte ich nacheinander bei meinen Freunden reinen Tisch, bei zweien von ihnen per Chat, was nach wie vor am einfachsten war.

:: hat es was gebracht?

JA. Erneut veränderte sich schlagartig alles. Was auch immer jetzt passierte, ich konnte es meinen Eltern und meinen Freunden erzählen. Zu ihnen allen war die Bindung durch mein Coming Out um ein Vielfaches intensiver und dauerhafter geworden. Nur zu Jan verlor ich nach einiger Zeit den Kontakt, worüber ich noch heute traurig bin. Genau einen Monat nach dem Outing bei meinen Eltern traf ich im Chat einen jungen Mann, mit dem ich dreieinhalb Jahre glücklich zusammen war. Ich lernte, was es bedeutet, offen schwul zu leben, auch anderen Menschen gegenüber nicht zu lügen und ich lernte schonendere Coming-Out-Methoden kennen.

Heute bin ich froh, dass mein Coming Out so gut verlaufen ist, denn ich habe auch ganz andere mitbekommen. Ich bedaure, dass ich es nicht schon viel früher getan habe, denn dann hätte ich nicht sechs Jahre vergeudet.

Man outet sich sein ganzes Leben lang weiter. Bei neuen Freunden, vielleicht auf der Arbeit bei neuen Kollegen, im Sportverein (oder vielleicht auch nicht), im diary… man trifft immer wieder Menschen, denen man es erzählen kann. Aber das Wichtigste beim Coming Out ist der Rückhalt. Wenn man fällt, muss jemand da sein, der einen auffangen kann.

wenn du dich ein leben lang versteckst, findest du dich irgendwann gar nicht mehr

– (sommersturm)

 

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