blau-rot-grüner Alltag

Als ich heute Morgen langsam die Augen aufschlug, tief verbuddelt in meiner warmen Bettdecke, ging mir als erstes Billys Tod durch den Kopf. Billy war die Hauptfigur des Romans, den ich heute Abend zuende lesen werde. Ich dachte über das Kapitel nach, das mich in der vergangenen Nacht so runtergezogen hatte. Unwillkürlich sah ich die Bilder vor meinem geistigen Auge und die schreckliche Szene spielte sich wieder und wieder ab. Dabei spürte ich die gleiche Traurigkeit und das Entsetzen, das mich auch beim Lesen packte. Durch das ausgelöschte Leben der Romanfigur scheint auch der Inhalt der vergangenen Leseabende gestaltlos zu werden.

Ich habe schon viele Bücher gelesen, aber noch nie hat mich eines so sehr in seinen Bann gezogen. Der Roman ist geschrieben aus der Perspektive von Harlan – Billys Freund und Ehemann – und sein Verlust geht mir erstaunlich nah.

Aber genug davon.

Der Morgenhimmel direkt nach dem heutigen Aufstehen war blitzblank. Kein Wölkchen trübte das strahlende Blassblau und am Horizont konnte ich die ersten Sonnenstrahlen entdecken. Die Luft war klar und eiskalt wie russischer Wodka. Ich zog mich warm an, bevor ich das Haus verließ und marschierte durch unsere kleine Stadt zur Arbeit. Mein Arbeitsplatz liegt direkt in der Stadtmitte am Marktplatz, in dessen Zentrum unsere Kirche seit dem Jahr 1775 majestätisch in den blauen Himmel ragt.
Mit dem Viertel-Vor-Acht-Gong betrat ich die Firma zeitgleich mit dem Praktikanten, der seit gestern bei uns in den Arbeitsalltag schnuppert. So ein Praktikant nimmt viel Zeit und Mühe in Anspruch, wenn man es richtig macht, leider dankt der Knabe das in keiner Weise. Er ist so desinteressiert, dass es wirklich keinen Spaß macht, ihm irgendwas zu zeigen. Aber was erwartet man auch von einem 14-jährigen?!
Wie üblich zum Monatsbeginn war zum Glück auch sonst viel zu tun, so dass der Tag einigermaßen schnell vorüberglitt. Am späten Nachmittag besuchte mich eine meiner besten Freundinnen in der Firma. Wir hatten uns in diesem Jahr noch nicht so recht gesehen, weil sie mitten im Abschlussprüfungsstress ihres Maschinenbaustudiums steckt. Ich freute mich sie zu sehen – und über das dunkelrote Kirschkuchenstück, dass sie mir aus der Bäckerei mitbrachte.

Die Sonne ging schon fast unter, als ich warm eingepackt den Heimweg zum Feierabend antrat. Der Himmel war immer noch blau und es waren viele Leute in den Straßen unterwegs, die das schöne Wetter für einen Spaziergang nutzten.

Als ich das Haus um halb sieben dann das nächste mal verließ, um meine Wocheneinkäufe zu erledigen, war es bereits dunkel geworden und Sterne funkelten nun auf dem schwarzen Samt, hier und da blinkten die Leuchtfeuer stumm vorbeifliegender Passagierflugzeuge. Die Flutlichter des nahegelegenen Bolzplatzes erhellten das abendliche Fußballspiel des städtischen Vereins und mehrere Autos fuhren ihre Besitzer durch die engen beleuchteten Straßen in ihren Feierabend.
Meine Einkäufe waren recht schnell erledigt, der Speiseplan für diese Woche eher zurückhaltend angesichts der Ausgaben, die ich mir in diesem noch so jungen Jahr bereits geleistet habe und so war ich bald wieder zu Hause. In meinem Postkasten fand ich neben der üblichen Werbung eine Postkarte aus San José, Kalifornien, die meine Nachbarin mir aus ihrem Urlaub geschickt hatte.
Was mein eMail-Eingang hingegen hergab, war alles andere als erfreulich. Die übliche Werbung war durch meinen Spam-Filter herausgepickt worden, aber eine unverschämte Rechnung hatte er durchgelassen, und dazu muss ich hier etwas ausholen:

Nach der Trennung von meinem Freund und der damit verbundenen Aufgabe der gemeinsamen Wohnung im vergangenen Herbst beantragte ich bei der Freenet einen neuen Internet-Zugang. Wie alle Online-Anbieter lockte auch der grüne von ihnen mit tollen Angeboten. Nach der Bestellung erhielt ich schon bald die benötigten Zugangsdaten, für den Zugang fehlte jedoch die Hardware, die ebenfalls gestellt werden sollte. Auf eine eMail, in der ich eine Woche später nachfragte, erhielt ich leider keine Antwort. Eine weitere Woche und eine weitere eMail später wieder nichts. Von Hardware keine Spur. Ich schrieb in der darauffolgenden Zeit noch eine eMail und einen Brief, war inzwischen einen ganzen Monat ohne Internet – Entzugserscheinungen konnte ich nur wegen des laufenden Umzugs unterdrücken. Per Telefax an Freenets 0190-Nummer stellte ich ihnen ein Ultimatum, dass sie jedoch unkommentiert verstreichen ließen, so dass ich letztlich doch wieder zum rosa Riesen zurückkehrte. Im Dezember dann erhielt ich eine eMail von Freenet, in der man mich bat, meinen bestehenden DSL-Auftrag (und sie meinten den in der alten Wohnung) zu kündigen, damit man einen neuen für mich beauftragen könne. Der Anschluss war seit zwei Monaten tot. Sie gaben mir zwei Wochen Zeit, danach würde man meinen Auftrag als erledigt ansehen. Ich ließ also kopfschüttelnd die zwei Wochen verstreichen in der Gewissheit, nie wieder eine grüne eMail zu bekommen.

Heute erhielt ich zwei grüne eMails. In der ersten stand der unverschämte Rechnungsbetrag von über 56 Euro für diverse Leistungen und in der zweiten entschuldigte man sich, dass die versprochenen 100 Euro Begrüßungsgeld erst in der nächsten Rechnung berücksichtigt werden könnten.

Was soll man dazu noch sagen? Immerhin habe ich dann doch noch eine liebe eMail von einer inzwischen lieben Freundin bekommen. Danke dafür!

Alles in allem also ein durchwachsener Dienstag. Ganz normaler Alltag eben.

 

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