Bilanz

Den Januar und damit das Jahr 2007 ließen wir mit einem Riesengetöse beginnen. Mit zwei Freunden feierten Engelchen und ich den Jahreswechsel an der Alster in Hamburg. Allerdings hatten wir wirklich nicht erwartet, derart gefährliche Szenen mitzuerleben. Es wurde mit Feuerwerkskörpern auf vorbeifahrende Autos geschossen, manch eine alkoholisierte Rakete verirrte sich hin und wieder in die Menschenmengen und wiederum andere wurden direkt unter einem Überstand gezündet und explodierten inmitten der Leute. Es war ein Durcheinander, bei dem der eigentliche Jahreswechsel um Mitternacht unterging. Rückblickend war das fast symptomatisch für das ganze Jahr…

Die erste Katastrophe geschah im Februar: Ich wurde 30! In aller Stille verbrachte ich den Meilenstein ins Alter im engsten Freundeskreis. Bloß kein Aufsehen, bloß nicht zu viel drüber nachdenken. Am Tag darauf hatte ich es überstanden und bis auf zunehmende körperliche Gebrechen macht sich das Alter auch nicht zu sehr bemerkbar…

Der März war eisig. Und weil es nun schon mal so kalt war, packten wir unsere Koffer und fuhren in den Norden. Unser zweiter Besuch in der dänischen Hauptstadt führte uns in dasselbe Hotel wie schon im vergangenen Dezember. Wir genossen den Aufenthalt und sahen uns so viel wie möglich an. Schlösser, Parks, Straßen, nackte Statuen der Antike in einem Museum, die kleine Meerjungfrau und einen Filmschauplatz. Den Tagestrip nach Schweden erwähne ich an dieser Stelle nicht…

Der April schien mangels Aufzeichnung eher ereignislos gewesen zu sein.

Ganz im Gegensatz zum Mai. Wir bezogen unsere neue Wohnung und gaben das feuchte und dunkle Kellerverlies auf. Das neue Zuhause liegt unter dem Dach, ist frisch renoviert und hat einen Garten… na ja, zuerst nicht, dann schon und jetzt irgendwie wieder nicht… Im Herbst wurde das Dach neu gedämmt, dabei wurde Gerät und Material in unserem Garten gelagert, und entsprechend sieht es dort – selbst nach getaner Arbeit nun aus. Anfang 2008 soll dann auch noch ein Balkonturm folgen…

Wir waren allerdings nicht die einzigen, die in unsere neue Wohnung einzogen. Bald nachdem wir alle neuen Möbel zusammengeschraubt und die Wände bemalt hatten erhielten wir pelzigen Familienzuwachs: die beiden Kater Neelix und Cricket waren gerade mal sechs Wochen alt, als wir sie vom Bauernhof adoptierten. Inzwischen stehen sie schon kurz vor der Kastration…

Zunehmender Verkaufsdruck machte sich nicht erst im Mai bei mir bemerkbar. Die Eingewöhnungsphase in der neuen Firma war längst vorbei, inzwischen war ich seit einem Jahr dabei. Schlaflose Nächte, Angstattacken und zunehmende Depressionen machten mir schwer zu schaffen. Immer und immer wieder erwischte ich mich dabei, wie ich mir auf dem Weg zur Arbeit einen Unfall wünschte, nur um nicht dorthin zu müssen…
Es war immer noch Mai, als diary-Autor Claudius das Zeitliche segnete. Traurige Geschichte, aber rührend die Anteilnahme der „Fangemeinde“ im Tagebuchforum.

Im Juni setzte sich der berufliche Druck nicht nur fort, sondern verstärkte sich zusehends. Bald darauf begann ich eine Art Therapie, die mir dabei helfen sollte, die Ursachen herauszufinden und Lösungen zu erkennen.

Der Juli wurde heiß. Eine Hitzewelle hatte uns im Schwitzkasten und das Beste an meinem Job war die Klimaanlage. Das gute Wetter kam davon abgesehen aber dem 50. Geburtstag meiner Mum zugute. So konnten wir bequem im Garten feiern. Engelchen und ich übernachteten das erste Mal bei meinen Eltern zu Hause… Unser eigenes Zuhause war derweil fertig eingerichtet und schon sehr wohnlich. Währenddessen hing die alte Wohnung wie eine Klette an uns. Der Keller – so winzig er auch war – stand noch voller Gerümpel, den wir nicht mehr brauchten. Keiner von uns beiden hatte so richtig Lust, die Dinge auszusortieren und sich um die Entsorgung zu kümmern… Dass im selben Monat dann der letzte Harry-Potter-Band erschien, machte die Sache nicht unbedingt einfacher…

Im August gipfelten meine Jobschwierigkeiten in der Beendigung meiner Verkaufstätigkeit. Bis dahin war ich zehn Jahre lang Verkäufer gewesen und musste nun erkennen, dass ich die Anforderungen – nicht nur die meiner Gesundheit – nicht mehr erfüllen konnte. Ich erhielt die Zusage für eine neue Aufgabe ab Oktober mit der Aussicht, meinen Job nach Auslaufen meines Vertrages zu verlieren. Da mein Vertrag aber erst im Mai 2008 ausläuft, machte ich mir zunächst keine großen Sorgen. Damit endete dann auch meine Therapie, denn die Ursache für meine Depressionen war erst einmal beseitigt. Die Auswirkungen hingegen werden wohl noch eine Weile bleiben.

Für Schwule und Lesben ist der alljährliche Christopher-Street-Day (CSD) eigentlich eine Pflichtveranstaltung. Mit viel Krach und schrillen Farben protestiert man gegen Diskriminierung und für mehr Gleichbehandlung. Angesichts zunehmenden Fortschritts der Gesellschaft in Deutschland ist der CSD heute mehr eine große Party als ein Protestmarsch. Wie schon im letzten Jahr war ich auch diesmal nicht dabei. Engelchen ist für die „schwule Subkultur“ nicht zu begeistern, und wenn er auch mit mir hingegangen wäre, so musste er – wie schon im letzten Jahr – an besagtem Tag arbeiten. Und allein hingehen wollte ich dann auch nicht.
Die vielen Ereignisse dieses heißen Monats nahm dann auch meine Nichte Julie zum Anlass, am letzten Tag das Licht dieser Welt zu erblicken. Willkommen im Leben…

Schon zwei Wochen nach ihrer Geburt besuchte sie Engelchen und mich in der Marzipanstadt. Es war September und wir waren gerade aus Berlin zurück. Die Hauptstadt besuchten wir anlässlich seines Geburtstages. Ich hatte Musicalkarten besorgt und ein Hotel gebucht. So verbrachten wir ein interessantes Wochenende mit deutschem Sightseeing und tanzenden Vampiren. Sehr geil.

Der Oktober verlief wieder recht ereignislos. Meine neue Aufgabe konnte ich Mitte des Monats antreten und ich beschäftige mich seither mit der Interpretation und Auslegung verschiedener Gesetzesvorlagen. Klingt trocken, ist es auch. Aber ich muss nicht mehr verkaufen um jeden Preis.

Weiter gehen die Geburtstage in der Familie. Im November feierte sowohl mein Stiefvater als auch meine jüngere Schwester Geburtstag – an einem Wochenende. Große Party im Haus meiner Eltern – aber diesmal ohne Übernachtung.

Fast nahtlos erfolgte der Übergang in den Dezember. Überall herrschte Vorweihnachtsstimmung, die Innenstadt war überlaufen und ich zermarterte mir das Hirn für ein paar Geschenkideen. Dieses Jahr blieb die Kreativität jedoch vollends auf der Strecke. Der Monat war noch jung, da ereignete sich die nächste Katastrophe. Der Vater einer lieben Freundin kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Die Stimmung war getrübt und das Unglück der Familie nur schwer zu fassen.

Dennoch fuhren Engelchen und ich schon wieder nach Kopenhagen. Die Jahreszeit unterschied sich zwar kaum von der im März – auch bei diesem Besuch waren die Bäume nackt und die Leute dafür sehr angezogen. Dennoch genossen wir die Tage abseits des grauen Alltags in der großzügig geschmückten Metropole.

Kurz vor Weihnachten rissen die schlechten Nachrichten nicht ab. Mein Stiefvater war im Krankenhaus und die Behandlung war derart stümperhaft und unprofessionell, dass er sich nur einen Tag nach Einlieferung lieber selbst entließ. Drei weitere Patienten folgten seinem Beispiel und ließen sich in ein anderes Hospital verlegen. Was ihm nun tatsächlich fehlte weiß bislang niemand… Heiligabend verbrachten Engelchen und ich besinnlich mit den beiden Katern unter dem heimischen Weihnachtsbaum. Vor der Bescherung sorgte der knallrote Fonduetopf für gemütliche Atmosphäre und gefüllte Mägen. Wir ließen uns viel Zeit beim Essen, denn die Bescherung selbst nimmt nicht mehr so viel Zeit in Anspruch, wie es in Kindertagen noch der Fall gewesen war.

Weihnachten war gerade gegessen und die nächsten Hiobsbotschaften standen schon bereit. Mein Bruder wurde in der Nacht zum zweiten Feiertag ins Krankenhaus eingeliefert. Eine eigentlich relativ harmlose Blinddarmentzündung entpuppte sich als Entzündungsherd, der die umliegenden Organe befallen hatte. Mein Bruder wurde noch in derselben Nacht operiert und in den Tagen darauf unter Beobachtung mit Medikamenten versorgt.

Kurz darauf der nächste Trauerfall im Freundeskreis. Bens Mum ist gestorben. Ich kannte sie nicht und mit Ben selbst habe ich nach dem Ende unserer gemeinsamen Schulzeit nur sporadischen Kontakt, dennoch verdunkelte es den Dezember noch ein gutes Stück mehr und ich war froh, dass das Jahr nun sein Ende fand.

2008 ist ein Schaltjahr. Ein Tag mehr Zeit für glückliche Zeiten. Ich bin gespannt…

 

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