Berufserfahrungen

Ich erinnere mich noch genau, wie ich vor gut einem Jahr meinen Wohnort und meinen Arbeitgeber gewechselt habe. Alles ging unglaublich schnell. Meine alte Firma bot mir einen höheren Posten an (über die vermeintlichen Beweggründe schweige ich mal). Da mein Entschluss, den Landkreis zu verlassen, jedoch feststand, musste ich Hals über Kopf an der Ostküste eine neue Arbeit suchen. Ich bewarb mich also bei einer anderen Variante der selben Firma – und wurde eingestellt. Holterdipolta folgte dann auch eine neue Wohnung, damit ich nicht pendeln muss und alsbald der Abschied von meinen liebgewonnenen Kollegen.

Seither bin ich hier. Seither versuche ich, mit der neuen Firma klarzukommen und zu erfüllen, was von mir erwartet wird. Als Perfektionist versuche ich stets, hundert Prozent zu geben. Wie ich jetzt feststelle, reichen diese hundert Prozent nicht. Ich komme nicht vorwärts, schiebe Tag für Tag einen Berg Arbeit vor mir her, der Tag für Tag größer wird. Dieser Berg kostet Kraft und Nerven, die ich für die geforderte Aktivität als Verkäufer brauche. Schlussendlich leidet mein Verkauf darunter.

 

:: Mensch sein, gegen jeden Trend.

Ich war noch nie gern unter Menschen, mit Menschen habe ich schlechte Erfahrungen gemacht. Für den Job als Verkäufer brauche ich Kraft, um diesen Umstand jeden Tag zu bekämpfen. Schließlich hat man als Verkäufer am ehesten mit Menschen zu tun. Dieser Kompromiss ist mir zehn Jahre lang reibungslos gelungen. Mein Job machte mir Spaß und ich konnte sogar soweit gehen zu sagen: Ich arbeite gern mit Menschen.

Ich bin jetzt gut ein Jahr in der neuen Firma. Und ich will nicht mehr verkaufen. Ich will keine Kunden mehr. Ich wache nachts auf, mein Herz rast und die Gedanken kreisen wie wild um meine Arbeit. Kunde, Zahlen, die ständige Kontrolle (was bei uns „Coaching“ genannt wird), neue, schnellere und aggressivere Verkaufsmethoden. Damit komme ich nicht mehr zurecht. Es ist soweit, dass ich nun in ärztlicher Behandlung bin. Das Problem dabei ist: Ich glaube nicht, dass man mir ärztlich helfen kann.

 

:: Ein neuer Job muss her

Aus diesem Grunde will ich versuchen, eine andere Arbeit zu bekommen. Aber das ist nicht so einfach wie mit dem Job vor einem Jahr. Mit meiner kaufmännischen Ausbildung gibt es viele Jobangebote – aber alle haben mit Kunden und Verkaufen zu tun – komisch. Ich hätte Lust, noch mal etwas ganz anderes zu lernen. Tischler, Mechatroniker oder so. Aber das geht nicht mehr. Ich käme zwar auch mit einem Viertel weniger Gehalt aus, aber mit einer Ausbildungsvergütung komme ich nicht mehr weit. Zumal wir gerade in die neue Wohnung gezogen sind.

 

:: Wieso hab ich das nicht früher gemerkt?

Bis vor dreieinhalb Wochen hatte ich in unserer Filiale eine junge Kollegin, die den gleichen Job gemacht hat wie ich. Wir kämpften uns durch die gleichen Probleme und hielten uns gegenseitig aufrecht. Vor dreieinhalb Wochen brach sie unter der Last zusammen und ist seitdem in ärztlicher Behandlung. Kurz darauf ging es auch bei mir los. Herzrasen, Angstzustände, Zweifel. Mein Chef schickte mich unversehens zum Arzt. Ich war zunächst entschieden dagegen, denn wenn mich der Arzt aus dem Verkehr zieht, so wie die Kollegin, dann wird die Personalabteilung Wind davon bekommen, und mit meinem befristeten Vertrag sehe ich mich dann alsbald auf der Straße.

Ich stecke in einem Dilemma. Ich kann meinen Job weitermachen, bis meine schlechten Ergebnisse aus oben genannten Gründen dafür sorgen, dass ich vor die Tür gesetzt werde oder irgendwann mein Herz nicht mehr mitmacht. Davon abgesehen, dass berufliche Probleme sich irgendwann auf das Privatleben auswirken. Ich kann mich stattdessen in langfristige ärztliche Obhut begeben und bin dann voraussichtlich auch den Job los. Arbeitslosigkeit kann ich mir nicht leisten (will ich auch gar nicht), aber einen neuen Job zu finden, ist bekanntermaßen auch nicht einfach.

Im Grunde scheint das ganz einfach zu sein. Ich mache meinen Job weiter und bemühe mich parallel um eine neue Anstellung. Ich habe noch ein Jahr Zeit, denn solange läuft mein Arbeitsvertrag.

 

:: Alles oder nichts?

Mein Plan von vor einem Jahr ist – ausschließlich in beruflicher Hinsicht – nicht aufgegangen. Ich habe alles riskiert und leider auf das falsche Pferd gesetzt. Es fällt mir schwer, schon wieder bei Null anzufangen. Ich bin langsam in einem Alter, in dem man den Berufsanfang hinter sich lässt und Karriere macht oder sich zumindest etabliert und ein Stück Sicherheit bekommt. Ich kann nicht für die Zukunft meiner kleinen Familie planen, weil im Moment die Grundlage fehlt.

Genug gejammert für heute. Ist eh alles durcheinander. Danke für’s Lesen.

Weg vom Beruf, hinein ins Privatleben. Hier ist alles in bester Ordnung. Die beiden Katerchen wachsen zusehends. Es ist wirklich spannend zusehen, wie sie sich jeden Tag verändern. Immer neugierig, mal wild, mal schläfrig, mal kuschlig und mal kratzig – gerade jetzt spielt Neelix mit meinen Schnürsenkeln während Cricket ihm dabei zusieht, mit einem Blick, der sagt: „Darf man das? Darf man das??“ Die Zwei sind echte Goldstücke.

Bromance

Mein großes Goldstück ist grad auf der Arbeit. Noch eine Stunde, dann kommt er nach Haus. Heute fahren wir in die Heimat zu meiner Familie. Wir haben sie länger nicht gesehen. Wir bringen Grillfleisch mit und dann gibt es ein gemütliches Beisammensein. Meine Eltern wissen noch nichts von den Problemchen, die mir im Job grad entgegenschlagen.

Dass ich meinen Engel habe, ist für mich eine große Erleichterung. Er fängt mich auf und hält mich fest. Schön, dass es ihn gibt!

Niedlich gucken können sie…
… und verstecken klappt auch schon ganz gut…

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*