Backsteine und Hüftsteaks

Der wirklich sehenswerte Teil der Marzipanstadt ist ja nicht so richtig riesig groß und liegt auf einer Insel, die ringsum mit Brücken am restlichen Schleswig-Holstein befestigt ist. Aber obwohl die geographische Ausdehnung sehr überschaubar ist, gibt es noch Ecken und Gassen, Winkel und Bauwerke, die ich noch nie gesehen habe. Das geht auch den meisten meiner neun Kollegen so, und so heuerten wir für den Auftakt unserer kleinen Weihnachtsfeier einen Stadtführer an, der uns heute Abend durch das Domviertel führt. Wir sammeln den erfahrenen Brummbären mit der lauten Erzählstimme am historischsten unserer Stadttore ein und folgen ihm tief in die Vergangenheit unserer Stadt, die sich in den Straßen und Gassen im südwestlichen Teil der Insel findet. Wir betreten historische Gebäude, entdecken echte Backsteine, die mehrere Jahrhunderte alt sind. Damals, als sie noch feuchter Lehm und ungebacken waren, sind Tiere darübergelaufen und haben ihre Fußabdrücke hinterlassen, die man noch heute deutlich sehen kann.

Um noch deutlicher zu sehen fahren wir mit dem Lift auf die Aussichtsplattform von Sankt Petri. Hier oben war ich schon öfter, aber nie zuvor während der Vorweihnachtszeit. Von hier oben hat man die Altstadt hervorragend im Blick und man könnte wunderschöne Fotos vom leuchtenden Weihnachtsmarkt knipsen – wenn es nicht so saukalt und stürmisch hier oben wäre! Es ist ja bereits dunkel und für gute Fotos hätte ich ein Stativ mitschleppen müssen.

Weihnachtsmarkt in Lübeck

Bei der Kälte zittern die Hände so stark, dass an richtig scharfe Aufnahmen nicht zu denken ist, und so verschwinden Kamera und Hände wieder tief in den Taschen, während der Brummbär uns anschaulich erzählt, wie die Stadt im zweiten Weltkrieg nur knapp der völligen Zerstörung entgangen war. Seine knorrigen Hände weisen auf den dunklen Horizont, in die Richtung, aus der damals zahlreiche britische Flugzeuge angeflogen kamen und einen Bombenhagel auf die Marzipanstadt niederließen. Mir schaudert bei der Erzählung und dann bin ich froh, dass wir wieder in den Aufzug steigen und nach unten fahren dürfen. Im Turm erinnern Fotografien an die Zerstörung in dieser Stadt.

Der weitere Fortgang ist weniger erschütternd als vielmehr interessant und unterhaltsam. Dennoch haben wir nichts dagegen, als uns der Stadtführer irgendwann entlässt, damit wir uns über saftige Steaks hermachen (und uns wieder auftauen).

Bevor ich mich später auf den Weg zum Bus mache, weil mein Fahrrad mal wieder in der Werkstatt ist, schauen wir noch kurz, was auf dem Weihnachtsmarkt so los ist und erleichtern ihn um fünfzehn Becher Glühwein…

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