Anruf aus der Notaufnahme

Es war neun Uhr sechs, als mein Handy klingelte. Ich war bereits im Büro und auf meinem Display erschien der Name meiner Mutter. Um diese Uhrzeit war das ganz sicher kein Höflichkeitsanruf. Eine gute Stunde später saßen Engelchen und ich im Auto. Mein Stiefvater hatte an jenem Morgen einen schlimmen Schlaganfall erlitten und lag im Sterben. Als wir die Klinik in der Stadt mit den Hochhäusern erreichten, warteten meine Mutter und meine Geschwister bereits auf uns. So richtig genaue Informationen hatten sie noch nicht, nur dass er im Koma lag, künstlich beatmet wurde und eine Ärztin gesagt hatte, er würde nicht mehr aufwachen. Wenig später war die gesamte Familie anwesend. Die Ärzte wollten mit meiner Mutter schon über Organspende sprechen. Nur eine Stunde später sprach man dann von Reha-Maßnahmen – wir waren verwirrt. Plötzlich schwebte er nicht mehr in unmittelbarer Lebensgefahr, aber wenn er jemals wieder aufwachen sollte, würde er ein Schwerstpflegefall werden.

Am Tag darauf schlug er die Augen auf. Unfähig, sich mitzuteilen – vielleicht nicht einmal in der Lage, seine Umgebung wahrzunehmen, geschweige denn, jemanden zu erkennen.

Er erholte sich mit jedem weiteren Tag. Als er weitestgehend stabilisiert war, verlegte man ihn in eine Hamburger Reha-Klinik. Aber weil die Zustände dort katastrophal waren, ließ meine Mutter ihn in eine andere Klinik umlegen, was ein bürokratischer Kraftakt war, bei dem sich die örtliche Krankenkasse besonders negativ hervorgetan hat. Inzwischen kann er wieder sprechen, seine Bewegungsfähigkeit wird trainiert und atmen kann er auch von allein. Fast täglich fährt meine Mutter die fast hundert Kilometer zu ihm in die Reha-Klinik, um ihn beim Wiederaufbau zu unterstützen. Und nach wie vor macht er große Fortschritte.

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