American Dressing

So wie an jedem Arbeitstag setze ich mich auch am Donnerstag in die Bäckerei gegenüber, um einen Salat und meine Lektüre zu genießen. Draußen ist es kalt und wirklich sehr ungemütlich, was die Überfüllung in der Bäckerei an jedem Tag dieser Woche erklärt. Während ich in der Schlange stehe und meinen Auftritt erwarte, blicke ich mich nervös nach einem freien Platz um, um nicht wie gestern im Büro essen zu müssen. Es riecht typisch für diese Jahreszeit nach Zimt und Gebäck und Kaffee, und die Bäckereifachverkäuferinnen und der Azubi tragen kleine Weihnachtsmützen-Anstecker. Überall brennen Kerzen, und Weihnachtsgebäck wartet in kleine Tüten abgefüllt auf leuchtende Kinderaugen.

Aus der gläsernen Auslage greife ich nach einem Chefsalat, während vor mir eine fröhliche Frau mit fremdem Akzent bedient wird. „Zum Hieressen?“ fragt mich der Azubi. „Und welches Dressing möchten Sie dazu?“ Und wie an jedem Tag antworte ich: „American Dressing, bitte.“ Ich bemerke nicht, dass mich die fröhliche Frau anieht, während der Azubi nach hinten läuft, um das Dressing zu holen…

Von den knapp 1.300 Seiten der Tore der Welt habe ich mittlerweile 357 gelesen. Merthin wurde von seinem Lehrmeister Elfric vor die Tür gesetzt, nachdem er dessen Tochter nicht heiraten wollte. Nach dem tragischen Einsturz der hölzernen Brücke hat sich Merthin als Baumeister hervorgetan und leidet nun darunter, dass Elfric ihm das Leben schwer macht. Gerade, als er seiner geliebten Caris vorschlägt, mit ihm zusammen in ein eigenes Häuschen zu ziehen, sagt die fröhliche Frau von vorhin etwas zu mir. In dem Stimmengewirr der überfüllten Bäckerei bemerke ich nicht gleich, dass sie mit mir spricht – noch dazu auf amerikanisch. Nach einer Schrecksekunde interpoliere ich aus dem Gesagten, dass sie meinen Akzent bemerkt hätte. Sie strahlt mich an und fragt: „How long have you been here?“ Ich bin völlig verwirrt und frage mich kurz, wann und wo ich einen Akzent hätte haben können, als ich ihr auch schon erkläre, dass ich hier geboren wäre… Sie sagt, an der Theke hätte es sich angehört, als hätte ich einen amerikanischen Akzent und wünscht mir dann fröhlich einen schönen Tag. Als ich sie nicht mehr sehen kann, fällt mir das Dressing ein, das ich bestellt hatte und muss plötzlich lachen, angesichts dieser abstrusen Situation. Leise wiederhole ich die Worte „American Dressing“ und lausche meiner Aussprache…

Caris fühlt sich von Merthin vor den Kopf gestoßen.Wie kann er es wagen, von ihr zu verlangen, mit ihm in ein eigenes Haus zu ziehen? Das bedeutet für sie, sich ihm unterwerfen zu müssen. Caris ist eine stolze Frau. Und sie ist fröhlich.

 

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